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Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges in Europa

Die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges wurde unter verschiedenen, oft auch einander widerstrebenden Perspektiven untersucht. Die Erläuterung aussen- und innenpolitischer Fragestellungen zur nationalsozialistischen Politik erlauben besser als die Schilderung von einzelnen Ereignissen, die Vorgeschichte des Krieges in ihren Zusammenhängen zu schildern:

  • die Rolle der programmatischen Konzepte Hitlers vor 1933 für die deutsche Aussenpolitik seit 1933.
  • der Stellenwert der Aussenpolitik im Dritten Reich und ihr Verhältnis zur Innen-, insbesondere zur Sozialpolitik und zu anderen Machtzentren wie der Wehrmacht und dem Auswärtigen Amt.
  • das Verhältnis der nationalsozialistischen Aussen-, Wirtschafts- und Sozialpolitik zur vorherigen spezifisch deutschen und gesamteuropäischen Hegemonialpolitik seit etwa 1880.
  • die wirtschaftspolitische Vorbereitung des Krieges; Rüstung und Industrie.
  • die Interessen weiterer Staaten.
Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg    
(aus Wikipedia)

Bis zum Ersten Weltkrieg waren Grossbritannien, Frankreich, das Russische Kaiserreich, Österreich-Ungarn und das Deutsche Kaiserreich Europas bestimmende Grossmächte. Dieses Mächtesystem brach durch die Niederlage des Russischen Reiches, des Habsburgerreiches und des Deutschen Kaiserreiches zusammen. Die Siegermächte des Krieges, Grossbritannien, Frankreich und Italien, teilten Europa in mehreren Friedensverträgen, den Pariser Vorortverträgen, neu auf.

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01_01/Europa um 1920

In Russland war im Kriegsverlauf durch die Oktoberrevolution ein bolschewistisches Regime an die Macht gekommen, das nun mit einem Cordon sanitaire neu gegründeter Nationalstaaten mit westlicher Orientierung abgeschirmt werden sollte. Dazu zählten Finnland und die neuen baltischen Republiken Estland, Lettland, Litauen. Polen erhielt seine Souveränität zurück, Rumänien wurde territorial stark vergrössert durch ehemals ungarische Gebiete (siehe Vertrag von Trianon) und des ehemals russischen Bessarabien. Serbien, das ehemals österreichische Slowenien und das ehemals ungarische Kroatien wurden in einem neu gegründeten Kö-nigreich Jugoslawien vereinigt. Böhmen und Mähren wurden mit slowakischen und karpatoukrainischen Gebieten zur Tschechoslowakei vereinigt. Österreich und Ungarn wurden zu Rumpfstaaten verkleinert.

Versailler Vertrag    
(aus Wikipedia)

Der mit dem neuen republikanischen Deutschland geschlossene Friedensvertrag von Versailles war kein Werk der gegenseitigen Verständigung und des Ausgleiches zwischen Siegern und Besiegten, sondern hauptsächlich der Versuch, die machtpolitische und wirtschaftliche Stärke Deutschlands auf ein "erträgliches europäisches Mass" zu reduzieren. So wurden trotz des vom amerikanischen Präsidenten Wilson in seinem 14-Punkte-Programm proklamierten Selbstbestimmungsrechts der Völker grössere Gebiete vom Deutschen Reich ohne Volksbefragung der ansässigen Bevölkerung abgetrennt. Deutschland wurde die alleinige Kriegsschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges zugewiesen, und es sollte, auf dieser Argumentation basierend, jahrzehntelang umfangreiche Reparationszahlungen leisten. Die deutsche Armee wurde unter Verbot der Haltung von Flugzeugen, U-Booten, Panzern und schweren Waffen auf 100'000 Mann begrenzt.

Der Versailler Vertrag wurde den Besiegten praktisch ohne Zubilligung aktiver Teilnahme und Mitarbeit durch die Sieger und unter Androhung der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten, sollte nicht innerhalb zweier Tage unterschrieben werden, diktiert. Er hatte Mitschuld daran, dass es nicht zu einer langfristigen und stabilen Ordnung in Europa kam. Die gesamte Nachkriegszeit war von der Furcht vor einem möglichen "Wiedererstarken" und vor Revancheabsichten Deutschlands geprägt. Lloyd George sagte im britischen Unterhaus am 7. Februar 1922:

"Wenn die deutsche Jugend an den Gedanken gewöhnt wird, (…) die Sieger für die Deutschland zugefügte Niederlage zu bestrafen, so liegt darin eine der grössten Gefahren, denen das künftige Europa ausgesetzt ist."

Grosse Teile der Bevölkerung Deutschlands, das den Krieg massgeblich initiiert und verloren hatte, waren mit den Deutschland betreffenden Neuregelungen dieses Vertrages unzufrieden. Die eigene Mitschuld am Beginn und Verlauf dieses Krieges wurde dabei übersehen. Daher bemühte sich die Aussenpolitik der Weimarer Republik um Grenzkorrekturen vor allem im Osten sowie um die Angliederung Österreichs. Die Nationalsozialisten gingen darüber weit hinaus. Es ging ihnen um eine Neuverteilung der politischen und ökonomischen Einflusssphären in Europa, um Lebensraum und Hegemonie. Auch kleinere Staaten erhoben revisionistische Forderungen. Die Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise erschütterten die europäischen Westmächte. Auf dem Feld der internationalen Politik waren sie nicht mehr in der Lage, eine internationale Friedensordnung zu stabilisieren; das europäische Gleichgewicht unter indirekter britischer Führung zerfiel. Nachdem bereits die Weimarer Republik viele Bestimmungen des Versailler Vertrags zu lockern verstanden hatte, überging Adolf Hitler die weiteren Beschränkungen, wie die Begrenzung auf ein 100.000-Mann-Heer. Die Wiederaufrüstung Deutschlands bereitete den anderen Staaten Sorge. Sie fürchteten ein wirtschaftlich und militärisch starkes Deutschland.

Revisionsbestrebungen und das Aufkommen von Faschismus und Kommunismus    
(aus Wikipedia)

Deutschlands Ziele lagen seit Stresemanns Zeit als Aussenminister vorwiegend im Osten und beinhalteten die Rückgewinnung Danzigs, des "Korridors", des Netzedistriktes und Ostoberschlesiens. Italien erhob Ansprüche auf Gebiete jenseits der Adria. Ungarn zielte auf Gebiete, die der Tschechoslowakei angegliedert worden waren, Polen versuchte, Litauen direkt oder indirekt wieder in seinen Machtbereich zu ziehen. Die Sowjetunion fürchtete, dass Polens Revisionismus auch auf den sowjetischen Teil der Ukraine zielte und hatte überhaupt das Ziel der "Weltrevolution" unter russischer Führung.
Das Streben der Bolschewiki, die revolutionäre Bewegung im Zuge der Nachkriegswirren mit Hilfe der Kommunistischen Internationale auf ganz Europa auszudehnen (Spartakusaufstand, Ungarische Räterepublik, Biennio rosso in Italien, Münchner Räterepublik, Aufstandsversuch in Österreich am 12. Juni 1919) hatten auch reaktionäre und nationalistische Kräfte wie die Freikorps in Deutschland und die Fasci di combattimento in Italien auf den Plan gerufen. Aus ihnen rekrutierte der Nationalsozialismus bzw. der italienische Faschismus in den 1920er Jahren einen erheblichen Teil seiner militanten Anhängerschaft. Mussolini gelang die Machtergreifung am 30. Oktober 1922; einen Attentatsversuch am 31. Oktober 1926, nahm er zum Anlass, politische Freiheiten einzuschränken und die verbliebenen politischen Parteien aufzulösen (=> Einparteienstaat).
Hitler gelang die Machtübernahme am 30. Januar 1933; danach betrieb er radikal – auch mit Hilfe seiner paramilitärischen Verbände SA und SS – eine Gleichschaltung vieler gesellschaftlicher Bereiche, die Zerschlagung der Gewerkschaften und vieles mehr. Zur Zusammenarbeit der beiden Diktatoren Mussolini und Hitler kam es wegen der offenen Frage Südtirol erst 1936, als sich Hitler im Zuge der Abessinienkrise auf Italiens Seite schlug und half, die Wirkung der Völkerbund-Sanktionen zu minimieren.

Weltwirtschaftskrise und Autarkiepolitik in Deutschland    
(aus Wikipedia)

01_02/Armenspeisung durch die Reichswehr, Berlin 1931

Der Zusammenbruch des deutschen Aussenhandels, Deutschland musste sich Rohstoffe und Lebensmittel auf dem Weltmarkt gegen Industrieprodukte eintauschen. Laut dem Historiker Hans-Erich Volkmann hatte Deutschland damals einen lebenswichtigen Bedarf an Nahrungsmittel- und Rohstoffimporten. Diese mussten durch Export finanziert werden. Dieser Exportdruck verschärfte sich durch die Gebietsabtretungen gemäss dem Versailler Vertrag, bei denen Deutschland zum Beispiel 75 Prozent der Eisenerzerzeugung und etwa 15 Prozent seiner Nahrungsmittelversorgung einbüsste. Die 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise führte zu einem Zusammenbruch des Welthandels und traf damit Deutschland schwer – die lebenswichtige Einfuhr konnte nichtmehr durch Ausfuhren finanziert werden.

Aus diesem Dilemma entstand die Idee der Autarkie als Alternative zum weltwirtschaftlichen Freihandelsprinzip. Für Volkmann bot die Lebensraumtheorie der Nationalsozialisten das "gedankliche Dach", "unter dem die Idee der Autarkie gedeihen konnte".

Wie ihre Vorgänger zogen die NS-Regierung sowie Hjalmar Schacht, Präsident der Reichsbank, zur Steigerung des Exports keine Abwertung der Reichsmark in Betracht. Ausser Prestigegründen spielte dabei die Erinnerung an die inflationäre Geldentwertung 1923 eine Rolle. Neben der Ausweitung von Massnahmen zur Regulierung des Devisenverkehrs und der Schuldenrückzahlung wurden ab 1934 bilaterale Handelsverträge angestrebt. So erhielt das Deutsche Reich neue Absatzmärkte und Rohstoffreserven in Polen, Rumänien, Ungarn, Jugoslawien und Bulgarien. Damit kam Hitler ab 1936 dem Ziel einer ökonomischen Unabhängigkeit vom Weltmarkt durch eine autarke Grossraumwirtschaft in Südosteuropa näher.

Eine Missernte 1934, Bürokratisierung und Ineffizienz des Reichsernährungsministeriums hatten im Herbst 1935 zu Lebensmittelknappheit geführt. In der Folge hatten Lebensmittelimporte kurzzeitig Vorrang vor Rohstoffimporten für die Rüstungsindustrie, die nun den wirtschaftlichen Aufschwung wesentlich trug. Eine Rückkehr Deutschlands zum Welthandel und damit zu verstärkter Exportorientierung wurde als schwierig beurteilt. So schrieb der Ministerialrat der Reichskanzlei Franz Willuhn 1937:

"Alle Anstrengungen den Handel zu heben, sind ohne Erfolg geblieben […]. In der Welt tobt ein Wirtschaftskampf".

Nach Auffassung des Historikers Ian Kershaw war aber eine politische Entscheidung Hitlers 1936 wesentlich. Er wollte die Rüstung forcieren und setzte – nun unumkehrbar – ganz auf Autarkie, die ohne territoriale, erwartbar militärische Expansion nur teilweise erreicht werden konnte.

Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 setzte neben der Autarkie-Diskussion eine Flutwelle militaristischer Schriften ein. Die Zahl der Kriegsbücher stieg von etwa 200 im Jahre 1926 auf etwa 300 im Jahre 1929 und mehr als 400 im Jahre 1930 und erreichte 1935 einen Höhepunkt mit 500 Büchern.

1938 hatte Deutschland es geschafft, nahezu alle europäischen Länder wirtschaftlich weit zu überflügeln. Nur in Grossbritannien lag das durchschnittliche Volkseinkommen pro Kopf noch um elf Prozent höher als in Deutschland. Frankreichs Prokopfeinkommen erreichte gerade 77 Prozent des deutschen, Polen lag bei 48 Prozent.