Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges in Europa

Die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges wurde unter verschiedenen, oft auch einander widerstrebenden Perspektiven untersucht. Die Erläuterung aussen- und innenpolitischer Fragestellungen zur nationalsozialistischen Politik erlauben besser als die Schilderung von einzelnen Ereignissen, die Vorgeschichte des Krieges in ihren Zusammenhängen zu schildern:

Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg    
(aus Wikipedia)

Bis zum Ersten Weltkrieg waren Grossbritannien, Frankreich, das Russische Kaiserreich, Österreich-Ungarn und das Deutsche Kaiserreich Europas bestimmende Grossmächte. Dieses Mächtesystem brach durch die Niederlage des Russischen Reiches, des Habsburgerreiches und des Deutschen Kaiserreiches zusammen. Die Siegermächte des Krieges, Grossbritannien, Frankreich und Italien, teilten Europa in mehreren Friedensverträgen, den Pariser Vorortverträgen, neu auf.

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01_01/Europa um 1920

In Russland war im Kriegsverlauf durch die Oktoberrevolution ein bolschewistisches Regime an die Macht gekommen, das nun mit einem Cordon sanitaire neu gegründeter Nationalstaaten mit westlicher Orientierung abgeschirmt werden sollte. Dazu zählten Finnland und die neuen baltischen Republiken Estland, Lettland, Litauen. Polen erhielt seine Souveränität zurück, Rumänien wurde territorial stark vergrössert durch ehemals ungarische Gebiete (siehe Vertrag von Trianon) und des ehemals russischen Bessarabien. Serbien, das ehemals österreichische Slowenien und das ehemals ungarische Kroatien wurden in einem neu gegründeten Kö-nigreich Jugoslawien vereinigt. Böhmen und Mähren wurden mit slowakischen und karpatoukrainischen Gebieten zur Tschechoslowakei vereinigt. Österreich und Ungarn wurden zu Rumpfstaaten verkleinert.

Versailler Vertrag    
(aus Wikipedia)

Der mit dem neuen republikanischen Deutschland geschlossene Friedensvertrag von Versailles war kein Werk der gegenseitigen Verständigung und des Ausgleiches zwischen Siegern und Besiegten, sondern hauptsächlich der Versuch, die machtpolitische und wirtschaftliche Stärke Deutschlands auf ein "erträgliches europäisches Mass" zu reduzieren. So wurden trotz des vom amerikanischen Präsidenten Wilson in seinem 14-Punkte-Programm proklamierten Selbstbestimmungsrechts der Völker grössere Gebiete vom Deutschen Reich ohne Volksbefragung der ansässigen Bevölkerung abgetrennt. Deutschland wurde die alleinige Kriegsschuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges zugewiesen, und es sollte, auf dieser Argumentation basierend, jahrzehntelang umfangreiche Reparationszahlungen leisten. Die deutsche Armee wurde unter Verbot der Haltung von Flugzeugen, U-Booten, Panzern und schweren Waffen auf 100'000 Mann begrenzt.

Der Versailler Vertrag wurde den Besiegten praktisch ohne Zubilligung aktiver Teilnahme und Mitarbeit durch die Sieger und unter Androhung der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten, sollte nicht innerhalb zweier Tage unterschrieben werden, diktiert. Er hatte Mitschuld daran, dass es nicht zu einer langfristigen und stabilen Ordnung in Europa kam. Die gesamte Nachkriegszeit war von der Furcht vor einem möglichen "Wiedererstarken" und vor Revancheabsichten Deutschlands geprägt. Lloyd George sagte im britischen Unterhaus am 7. Februar 1922:

"Wenn die deutsche Jugend an den Gedanken gewöhnt wird, (…) die Sieger für die Deutschland zugefügte Niederlage zu bestrafen, so liegt darin eine der grössten Gefahren, denen das künftige Europa ausgesetzt ist."

Grosse Teile der Bevölkerung Deutschlands, das den Krieg massgeblich initiiert und verloren hatte, waren mit den Deutschland betreffenden Neuregelungen dieses Vertrages unzufrieden. Die eigene Mitschuld am Beginn und Verlauf dieses Krieges wurde dabei übersehen. Daher bemühte sich die Aussenpolitik der Weimarer Republik um Grenzkorrekturen vor allem im Osten sowie um die Angliederung Österreichs. Die Nationalsozialisten gingen darüber weit hinaus. Es ging ihnen um eine Neuverteilung der politischen und ökonomischen Einflusssphären in Europa, um Lebensraum und Hegemonie. Auch kleinere Staaten erhoben revisionistische Forderungen. Die Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise erschütterten die europäischen Westmächte. Auf dem Feld der internationalen Politik waren sie nicht mehr in der Lage, eine internationale Friedensordnung zu stabilisieren; das europäische Gleichgewicht unter indirekter britischer Führung zerfiel. Nachdem bereits die Weimarer Republik viele Bestimmungen des Versailler Vertrags zu lockern verstanden hatte, überging Adolf Hitler die weiteren Beschränkungen, wie die Begrenzung auf ein 100.000-Mann-Heer. Die Wiederaufrüstung Deutschlands bereitete den anderen Staaten Sorge. Sie fürchteten ein wirtschaftlich und militärisch starkes Deutschland.

Revisionsbestrebungen und das Aufkommen von Faschismus und Kommunismus    
(aus Wikipedia)

Deutschlands Ziele lagen seit Stresemanns Zeit als Aussenminister vorwiegend im Osten und beinhalteten die Rückgewinnung Danzigs, des "Korridors", des Netzedistriktes und Ostoberschlesiens. Italien erhob Ansprüche auf Gebiete jenseits der Adria. Ungarn zielte auf Gebiete, die der Tschechoslowakei angegliedert worden waren, Polen versuchte, Litauen direkt oder indirekt wieder in seinen Machtbereich zu ziehen. Die Sowjetunion fürchtete, dass Polens Revisionismus auch auf den sowjetischen Teil der Ukraine zielte und hatte überhaupt das Ziel der "Weltrevolution" unter russischer Führung.
Das Streben der Bolschewiki, die revolutionäre Bewegung im Zuge der Nachkriegswirren mit Hilfe der Kommunistischen Internationale auf ganz Europa auszudehnen (Spartakusaufstand, Ungarische Räterepublik, Biennio rosso in Italien, Münchner Räterepublik, Aufstandsversuch in Österreich am 12. Juni 1919) hatten auch reaktionäre und nationalistische Kräfte wie die Freikorps in Deutschland und die Fasci di combattimento in Italien auf den Plan gerufen. Aus ihnen rekrutierte der Nationalsozialismus bzw. der italienische Faschismus in den 1920er Jahren einen erheblichen Teil seiner militanten Anhängerschaft. Mussolini gelang die Machtergreifung am 30. Oktober 1922; einen Attentatsversuch am 31. Oktober 1926, nahm er zum Anlass, politische Freiheiten einzuschränken und die verbliebenen politischen Parteien aufzulösen (=> Einparteienstaat).
Hitler gelang die Machtübernahme am 30. Januar 1933; danach betrieb er radikal – auch mit Hilfe seiner paramilitärischen Verbände SA und SS – eine Gleichschaltung vieler gesellschaftlicher Bereiche, die Zerschlagung der Gewerkschaften und vieles mehr. Zur Zusammenarbeit der beiden Diktatoren Mussolini und Hitler kam es wegen der offenen Frage Südtirol erst 1936, als sich Hitler im Zuge der Abessinienkrise auf Italiens Seite schlug und half, die Wirkung der Völkerbund-Sanktionen zu minimieren.

Weltwirtschaftskrise und Autarkiepolitik in Deutschland    
(aus Wikipedia)