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Die letzten Tage des "Tausendjährigen Reiches"

Fronten in Auflösung    
(Bericht der Süddeutschen Zeitung)

Die Fronten in Auflösung, Berlin vor dem Fall, der Diktator am Ende: Im Frühjahr war der Zweite Weltkrieg längst entschieden. Doch weil die Wehrmacht nicht kapitulierte, gehören die letzten Tage zu den blutigsten des Krieges.

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06_174/Jugendliche mit Fahrrädern und Panzerfäusten, wie hier Anfang April 1945 im Oderbruch, waren häufig das einzige, was die Wehrmacht noch gegen die russischen Panzer aufbieten konnte

Im April 1945 stand Hitlers "Tausendjähriges Reich" nach sechs Jahren beispiellosen Vernichtungskrieges am Abgrund. Die Westfront befand sich nach der alliierten Rheinüberquerung in Auflösung, im Osten stand die Rote Armee vor den Toren Berlins. Doch Hitler und die Spitze der NSDAP dachten selbst in dieser ausweglosen Situation nicht daran, zu kapitulieren. Sie waren gewillt, die Bühne der Weltgeschichte mit einem letzten Paukenschlag zu verlassen und weitere Millionen deutsche Soldaten zu opfern. Von der Ostsee bis zur Steiermark bereitete sich das letzte Aufgebot der Wehrmacht auf den letzten Schlag der Roten Armee vor.

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06_175/eine Abteilung des Volkssturmes mit einem MG 42 an der Oder. Der Mann im Vordergrund ist mit einem primitiven "Volkssturmgewehr" bewaffnet - eine der kruden Notmaßnahmen, zu denen die Wehrmacht 1945 greifen musste

Insgesamt drei Stellungssysteme an Oder und Neiße bildeten die sogenannte "Nibelungenstellung", die Berlin verteidigen sollte. Der Befehl dazu kam spät. Erst am 9. März 1945 begannen die verzweifelten Maßnahmen, um noch Befestigungsanlagen vor Berlin ins Erdreich zu treiben. Tag und Nacht wurde die Bevölkerung dazu angetrieben, Schützengräben und Unterstände auszuheben, die anschließend mit den letzten noch verfügbaren Männern besetzt wurden. Reserven zur Abriegelung sowjetischer Durchbrüche gab es längst nicht mehr.

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06_176/Zwei in Norwegen stationierte deutsche Soldaten in ihrem Unterstand, Ende 1944

Dabei verfügte das täglich schrumpfende Reich noch über eine nicht unerhebliche Menge kampfstarker Truppen - allerdings außerhalb Deutschlands. Selbst im Angesicht der totalen Niederlage konnte sich Hitler nicht dazu durchringen, die letzten verbliebenen Eroberungen in Europa zu räumen. So waren Anfang April 1945 immer noch gut zwei Millionen Deutsche Soldaten in Kurland, Norwegen, Italien, Jugoslawien, den Niederlanden, Ungarn und auf tschechoslowakischen Boden stationiert. Sollte die feindliche Koalition doch noch auseinanderbrechen - so Hitlers illusionäres Kalkül -, könnte man diese Gebiete als Faustpfand für Verhandlungen einsetzen.

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06_177/Hitler bei seinem letzten Frontbesuch an der Oder im März 1945

Hitler selbst gab sich trotz allem siegesgewiss und forderte zum unbedingten Durchhalten auf. Am 16. April erinnerte er seine Soldaten in einem Tagesbefehl daran, dass es nur den Sieg über den "jüdisch-bolschewistischen Todfeind" oder Untergang und "Marsch nach Sibirien" geben könne. Viele Deutsche nahmen den Mann, dem sie jahrelang als "Führer" gefolgt waren, auch jetzt noch beim Wort.

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06_178/Auch Außenminister Joachim von Ribbentrop (2. v. r.) besuchte noch kurz vor Kriegsende die Oderfront, wie hier am 3. April 1945

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06_179/Das Bild zeigt einen deutschen Soldaten mit einer Panzerfaust in seiner Stellung am 9. April 1945, wenige Tage vor Beginn der Schlacht

Wie der deutsche Befehlshaber an der Oder, General Heinrici, korrekt vorausgesagt hatte, stieß die Rote Armee entlang der Reichsstraße 1, die von Ostpreußen nach Berlin führte, auf die Hauptstadt vor. Anstatt die Ufer der Oder zu befestigen, die in Reichweite der russischen Artillerie lagen, wurden daher die Seelower Höhen zum letzten Wellenbrecher vor Berlin erklärt. 120 000 deutsche Soldaten besetzten das ausgeklügelte Stellungssystem, deren letzte Linie, die "Wotanstellung", bis kurz vor Berlin reichte. Um den sowjetischen Vormarsch zusätzlich zu erschweren, wurde der Oderbruch von deutschen Pionieren geflutet und in einen gigantischen Sumpf verwandelt - kaum passierbar für die schweren russischen T-34 Panzer.

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06_180/Das Bild zeigt Schukow (Vordergrund) in seinem Gefechtsstand während der Kämpfe um die Seelower Höhen

Georgi Schukow, der Mann, der Berlin erobern sollte, war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Veteran ungezählter Schlachten. 1939 hatte er gegen die Japaner in der Mandschurei gekämpft, 1941 Moskau gegen die deutschen Truppen verteidigt und zuletzt die Reste der deutschen Ostfront in der Weichsel-Oder-Operation zerschlagen. Die Einnahme Berlins als Kommandeur der 1. Weißrussischen Front wollte sich Schukow nicht nehmen lassen. Doch Iwan Konew, Kommandeur der 1. Ukrainischen Front, hatte seine Truppen ebenfalls gegen Berlin gerichtet. Die Oder bildete nun die Startlinie des Rennens um die deutsche Hauptstadt. Zehntausende russische Soldaten sollten die Egomanie ihrer Kommandeure in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges mit dem Leben bezahlen.

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06_181/Panzerfaustschützen in Bereitstellung

Der Kampf um die Seelower Höhen begann mit einem Trommelfeuer, gegen das selbst die Artillerieschlachten des Ersten Weltkrieges verblassten. 42 000 sowjetische Geschütze eröffneten in den frühen Morgenstunden des 16. April das Feuer auf die vordersten deutschen Stellungen, die allerdings größtenteils verlassen waren. Um der eigenen Infanterie ein besseres Sichtfeld zu verschaffen, ließ Schukow gigantische Scheinwerfer auf die Verteidiger richten - ein fataler Fehler. Erbarmungslos mähten die deutschen Maschinengewehre die sich im Gegenlicht deutlich abzeichnenden russischen Soldaten nieder. Der Angriff entwickelte sich zu einem Desaster. Schukow warf nun seine Panzer in die Schlacht, die reihenweise von deutschen Panzerfaustschützen abgeschossen wurden. Doch den Verteidigern ging bald die Munition aus. Am 19. April brachen die Russen schließlich durch. 30 000 Rotarmisten und 12 000 Deutsche hatten die Schlacht nicht überlebt.

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06_182/Hier stoßen russische T-34 Panzer vor. Im Straßengraben liegen die Leichen getöteter deutscher Verteidiger

Weiter südlich überrollten die sowjetischen Truppen der 1. Ukrainischen Front unter Marschall Konew die schwachen deutschen Stellungen entlang der Lausitzer Neiße. Für Gegenangriffe hatte die Wehrmacht keine Kräfte mehr. Die 9. Armee, die mittlerweile südlich von Berlin stand, wurde eingekesselt und im berüchtigten "Kessel von Halbe" vernichtet. Rund 40 000 deutsche Soldaten und Zivilisten verloren dabei ihr Leben.

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06_183/Hier errichten Volkssturmmänner aus einer zerstörten Straßenbahn eine Wegblockade

Am 20. April, Hitlers letztem Geburtstag, fiel Nürnberg und südlich von Berlin tauchten die ersten russischen Panzer auf der Autobahn auf. Fünf Tage später trafen sich die sowjetischen Angriffsspitzen nordwestlich von Potsdam. Die Hauptstadt war damit eingeschlossen. Zu einem großangelegten Entlastungsangriff kam es nicht mehr. Die dazu vorgesehene 4. Panzerarmee zog sich stattdessen kämpfend von Dresden nach Böhmen zurück. Auch die SS-Truppen der "Armeegruppe Steiner", auf die Hitler seine letzte Hoffnung gesetzt hatte, existierten nur noch auf dem Papier- Berlin würde auf sich alleine gestellt kämpfen müssen.

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06_184/Hier laden russische Soldaten einen der gefürchteten "Katjuscha"- Mehrfachraketenwerfer, von den Deutschen "Stalinorgel" genannt. Die ungenauen Geschosse unterschieden nicht zwischen Zivilisten und Soldaten. Tausende Berliner starben im Bombenhagel

Trommelfeuer aus unzähligen Rohren und pausenlose Angriffe sowjetischer Schlachtflieger kündigten den Sturm auf Hitlers letzte Bastion an. Rund 100 000 Verteidiger, mehr als die Hälfte davon Volkssturm und Hitlerjungen, sollten den Ansturm von rund 2,5 Millionen Rotarmisten stoppen. Verstärkt wurden sie von 250 unglücklichen Marinesoldaten, die auf Geheiß von Großadmiral Karl Dönitz noch am 25. April in die belagerte Hauptstadt geflogen wurden. Die meisten von ihnen starben bei der der Verteidigung der Reichskanzlei. Hitler selbst harrte im "Führerbunker" tief unter der Erde dem Ende entgegen.

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06_185/Unser Bild zeigt Hermann Göring im März 1945 am Ehrenmal Unter den Linden, anlässlich des "Heldengedenktages". Göring hielt sich noch bis Hitlers Geburtstag in der Stadt auf, um sich danach wie viele andere führende Parteikader in Sicherheit zu bringen

Im Angesicht des Untergangs wurde es um den Diktator zusehends einsamer. Hermann Göring telegrafierte am 23. April aus Berchtesgaden, dass er Hitlers Nachfolge antreten werde, sofern dieser in Berlin verweile. Noch am selben Tag erfuhr Hitler zudem von Heinrich Himmlers Versuchen, mit den Alliierten einen Separatfrieden zu schließen. Hitler ließ daraufhin Himmlers Verbindungsoffizier Hermann Fegelein erschießen.

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06_186/Rotarmisten besichtigen am 1. Mai 1945 den immer noch brennenden Reichstag

Hitler verließ Berlin nicht mehr. Nachdem ihm General Weidling am 29. April erklärte, dass die Verteidigung in den nächsten 24 Stunden zusammenbrechen würde, setzte der Diktator sein Testament auf. Tatsächlich begann bereits am nächsten Tag kurz nach 14 Uhr der finale Sturm auf den Reichstag. Gegen 15.30 Uhr beging Hitler gemeinsam mit Eva Braun Selbstmord - der europäische Alptraum näherte sich endgültig seinem Ende. Im Reichstag hielten die letzten Verteidiger noch bis in die Abendstunden weiter aus, vor allem dank des Unterstützungsfeuers des Flakturmes im Berliner Zoo. Kurz nach 22 Uhr wehte auch vom Dach des Reichstages die sowjetische Fahne.

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06_187/Auf einem früheren Bild sind französische Freiwillige der "Légion des volontaires français contre le bolchévisme" bei ihrem Transport an die Ostfront zu sehen

In den Ruinen Berlins endete auch für tausende Nazi-Sympathisanten aus ganz Europa der Traum von der "Neuen Ordnung". Da ihnen in ihrer Heimat der Galgen drohte, blieb den Resten der "europäischen SS" nur noch der gemeinsame Untergang mit dem Mann, dem sie die Treue geschworen hatten. Neben den Norwegern, Belgiern, Dänen, Schweden und Niederländern der SS-Division "Nordland" waren es vor allem die Franzosen der SS-Division "Charlemagne", die bis zur letzten Minute verzweifelt weiterkämpften. Auch die lettische Waffen-SS, deren Veteranen bis heute jährlich durch Riga marschieren, befand sich bis zum Ende im Kessel.

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06_188/Im Bild rechts eine Gruppe französische Legionare die auf deutscher Seite kämpften

Die kleine Gruppe Franzosen, die aus dem Berliner Inferno entkommen war, wurde im Westen ausgerechnet von den freifranzösischen Streitkräften unter General LeClerc aufgegriffen. Das Bild vom Zusammentreffen französischer Soldaten in deutscher und amerikanischer Uniform zeigt wohl besser als jedes andere die Zerrissenheit Frankreichs nach fünf Jahren Krieg, Besatzung und Kollaboration. Kurz nach dieser Aufnahme wurden die SS-Männer auf Befehl LeClercs (Mitte mit Stock) ohne weitere Verhandlung erschossen.

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06_189/Angehörige der Wehrmacht in Niederösterreich

Zeitgleich mit der Schlacht um Berlin endete auch in Österreich nach sieben Jahren die Herrschaft des Nationalsozialismus. Die dort stationierten Wehrmachtsverbände waren in den vergangenen Kämpfen um Ungarn weitestgehend aufgerieben worden. Nur mehr 22 000 Soldaten und 52 Panzer verblieben den Deutschen zur Verteidigung Wiens, allerdings war der Anteil an fanatischen Waffen-SS Männern hoch. So zog sich der Kampf um Wien und den Wienerwald trotz zehnfacher Überlegenheit der Sowjets wochenlang hin und forderte hohe Opfer auf beiden Seiten. Erst am 23. April kapitulierten die letzten Verteidiger.

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06_190/Von der SS wahllos getötete "Verräter"

Im Gegensatz zu anderen Städten, die in der Endphase des Krieges sinnlos verteidigt und zerstört wurden, gab es in Wien ernsthafte Bestrebungen zur kampflosen Übergabe. Österreichische Wehrmachtsoffiziere unter Major Carl Szokoll nahmen mit den Sowjets Kontakt auf und boten ihre Zusammenarbeit an. Die Operation mit dem Decknahmen "Radetzky" wurde allerdings frühzeitig von der Gestapo aufgedeckt und die Verschwörer anschließend öffentlich an Laternenmasten aufgehängt. Szokoll selbst wurde rechtzeitig gewarnt und konnte sich retten. Unser Bild zeigt die Leichen ermordeter Widerstandskämpfer am Wiener Floridsdorfer Spitz.

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06_191/Das Bild zeigt ukrainische SS-Soldaten mit ihrem Divisionskommandeur im Jahr 1944

An der Verteidigung Österreichs war auch eine der der obskursten Schöpfungen der Wehrmacht beteiligt: die 1. Division der "Ukrainischen Nationalarmee", ehemals "14. Waffen-Grenadier-Division der SS (galizische Nr. 1)". Aufgestellt im April 1945 und offiziell auf die Ukraine vereidigt, zeigte diese Formation, wie die NS-Kriegsmaschinerie vollkommen unbeirrt durch die Realität weiterlief. Im Gegensatz zu den Soldaten ihres russischen Äquivalentes, General Wlassows "Russischer Befreiungsarmee", hatten die Ukrainer das Glück, nicht an die Sowjets ausgeliefert zu werden. Wegen des Namenszusatzes "galizisch" wurden sie von den Briten als polnische Einheit eingestuft. Das rettete den Männern das Leben.

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06_192/Tschechische Aufständische mit einem in den Škoda Werken erbeuteten deutschen Jagdpanzer mit der Aufschrift "Tod den deutschen Mördern"

Das letzte große Drama des Zweiten Weltkrieges spielte sich im immer noch von den Deutschen besetzten Prag ab. Ermuntert vom Fall Berlins erhoben sich die Tschechen am 5. Mai zum offenen Aufstand. Doch solange ihnen kein freies Geleit nach Westen zugesichert wurde, dachten die rund 900 000 verbliebenen deutschen Soldaten der Heeresgruppen "Mitte" und "Ostmark" nicht daran, den Kampf einzustellen. Militärisch standen die Aufständischen damit auf verlorenem Posten. Rund 3000 Tschechen wurden in Prag zusammengetrieben und von der SS ermordet. Als schließlich die Rote Armee eingriff, kam es zu schweren Gefechten mit bis zu 11 000 Toten auf russischer Seite - fast zwei Wochen nach Hitlers Tod. Erst am 11. Mai, dem Ende der "Prager Operation", herrschte wirklich Waffenstillstand in Europa.

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06_193/Der Potsdamer Platz im Mai 1945 nach Ende der Kampfhandlungen. Im Vordergrund ein zerstörtes deutsches Flakgeschütz, im Hintergrund der Potsdamer Bahnhof

In Berlin kam es noch bis zum 4. Mai zu vereinzelten Gefechten mit Fanatikern, die sich weigerten zu kapitulieren. Danach war die Wehrmacht auf deutschem Boden endgültig geschlagen

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06_194/Hier unterzeichnet Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel am 8. Mai 1945 die Kapitulationsurkunde der deutschen Wehrmacht im Hauptquartier des russischen Marschalls Schukow in Berlin-Karlshorst

Inklusive der Gefechte um die Seelower Höhen war der Kampf um Berlin einer der blutigsten des gesamten Weltkrieges. Mindestens 80 000 Russen starben dabei, Hundertausende wurden verwundet. Die Zahl der deutschen Todesopfer ist nicht mehr genau festzustellen, doch wird sie auf etwa 100 000 Soldaten und ebenso viele Zivilisten geschätzt. Das einzige was der Wehrmacht noch blieb, war die bedingungslose Kapitulation.

Rückblick auf die letzten Gefechte im zweiten Weltkrieg 1945    
(Aus "TRUPPENDIENST" Magazin des Österreichischen Bundesheeres)

Am 29. März 1945 überschritten Soldaten der Roten Armee die österreichische Grenze im Burgenland. Es war eines von vielen Ereignissen, das die Niederlage des Dritten Reiches ankündigte. Für Österreich markierte es das baldige Ende der deutschen Herrschaft. Zwei Wochen später fiel Wien und am 28. April überschritten die ersten US-Soldaten die Grenze zu Tirol. Der Zweite Weltkrieg war militärisch, politisch und symbolisch entschieden. Er war aber noch nicht beendet, und weite Teile Österreichs standen noch unter NS-Herrschaft.

Nach dem Ende der Schlacht um Wien am 13. April 1945 drangen die Truppen der Roten Armee im Zuge der Wiener Operation Richtung Westen vor. Am 15. April wurde St. Pölten erobert und am 23. April die Front entlang der nördlichen Ausläufer der Alpen sowie im Triestingtal bezogen. Zur gleichen Zeit stiess die US-Armee aus dem Raum Regensburg in Richtung Österreich vor.

Die, in den damaligen Alpen- und Donaureichsgauen operierende Heeresgruppe Süd, die seit Anfang April 1945 in Heeresgruppe Ostmark umbenannt wurde, musste sich auf einen Zweifrontenkrieg einstellen. Dabei sollten die amerikanischen Truppen jedoch nicht an der Grenze zu Bayern, sondern erst an der Enns aufgehalten werden. Der Kommandant dieser Heeresgruppe, Generaloberst Dr. Lothar Rendulic, gruppierte deshalb seine Kräfte um. Die Voraussetzung dazu war die Begradigung der Ostfront, da nur so Kräfte für den Einsatz im Westen zur Verfügung standen.

Am 26. April 1945 war die Front im Osten begradigt, und die deutschen Truppen hatten ihre letzte stabile Verteidigungslinie in Österreich bezogen. Diese befand sich in Anlehnung an die Traisen entlang der Linie Hollenburg - Statzendorf - Obergrafendorf - Rabenstein - Lilienfeld - Gutenstein - Semmering. Teile der Heeresgruppe Süd richteten sich hier auf die Abwehr des letzten grossen und entscheidenden Angriffes der Roten Armee im Alpenvorland ein. Dieser fand jedoch nicht statt. Ab dem 27. April kam die Ostfront zum Stillstand, und die Sowjets gruben sich ein.

6. SS-Panzerarmee
Die deutschen Truppen, die im Alpenvorland südlich der Donau eingesetzt waren, gehörten zur 6. SS-Panzerarmee. Ihr Kommandant, SS-Oberst-Gruppenführer und Generaloberst der Waffen-SS, Sepp Dietrich, war kein unbeschriebenes Blatt. Seit dem Putsch von München 1923 war er ein "Kampfgefährte", enger Vertrauter und Duzfreund von Adolf Hitler. Er war Kommandeur der Leibwache Hitlers, aus der die 1. SS-Panzerdivision "Leibstandarte SS Adolf Hitler" hervorging, deren erster Kommandant ebenfalls Dietrich war. Die Divisionen dieser Armee zählten zu den erfahrensten, entschlossensten, aber auch berüchtigtsten der deutschen Streitkräfte. Ein Blick auf ihre Nummern und Namen zeigt, dass es sich dabei um die "Elite" des deutschen Heeres handelte.

Für ihre Gegner war es ein Schock, wenn sie erfuhren, dass sie diesen Verbänden gegenüberstanden. Jedoch nicht nur wegen ihrer Kampfkraft. Die meisten Divisionen der 6. SS-Panzerarmee gehörten zur Waffen-SS, dem militärischen Arm der Schutzstaffel. Diese war ein Teil der Organisationsstruktur der NSDAP. Die Waffen-SS war zwar grundsätzlich eigenständig organisiert, im Zweiten Weltkrieg jedoch der Wehrmacht unterstellt. Den Oberbefehl über sie hatte dennoch Heinrich Himmler, der Reichsführer der SS. Eine damalige Werbeschrift für die Waffen-SS bringt es auf den Punkt wenn sie beschreibt, dass der SS-Mann "nicht alleine Soldat (…)", sondern "Träger der Idee Adolf Hitlers" sei.

Die Männer der Waffen-SS waren demzufolge "politische Soldaten". Manche von ihnen waren nicht nur an Kampfhandlungen an der Front eingesetzt, sondern auch am Holocaust und an zahlreichen Kriegsverbrechen beteiligt. "Vom März 1942 bis April 1945 [haben] ungefähr 45 000 Mann der Waffen-SS zur einen oder anderen Zeit in den Konzentrationslagern gedient". 1946 wurde die gesamte SS und mit ihr die Waffen-SS vom Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg zur verbrecherischen Organisation erklärt. In der Endphase des Zweiten Weltkrieges kämpften Teile von ihr im Verbund der Heeresgruppe Süd bzw. Ostmark in Österreich.

Gliederung der 6. Panzerarmee
SS-Panzerkorps:

  • SS-Panzerdivision "Leibstandarte SS Adolf Hitler"
  • Infanteriedivision
  • SS-Panzerdivision: "Hitlerjugend"

SS-Panzerkorps:

  • SS-Panzerdivision "Das Reich"
  • SS-Panzerdivision "Totenkopf"
  • Reichsgrenadierdivision "Hoch- und Deutschmeister"

Korps Bünau (bis 16. April 1945 Korps Schultz)

  • Infanteriedivision
  • Panzerdivision
  • Jägerdivision
  • Teile der 2. und 9. Panzerdivision

Anmerkung: Die Gliederung der 6. Panzerarmee wurde in den letzten Kriegswochen mehrere Male geändert. Sie gibt jedoch einen Überblick über die wichtigsten Verbände, die Teil dieses Grossverbandes waren.  Dieses Korps wurde nach dem Kommandanten benannt.

Die 6. SS-Panzerarmee wurde durch diverse Artillerie-, Fliegerabwehr-, Panzerabwehr- und Infanterieverbände verstärkt. Nach der gescheiterten Plattenseeoffensive im März 1945 verfügte sie jedoch nicht mehr über ihre bisherige Stärke. Bei dem letzten deutschen Grossangriff und dem darauffolgenden Rückzug aus Ungarn wäre die 6. SS-Panzerarmee beinahe vernichtet worden. Sie erlitt schwere Verluste an Personal und Material.

Die Divisionen dieses Grossverbandes waren deutlich geschwächt und hatten massiv an Kampfkraft eingebüsst. In Österreich wurden der Armee zwar neue Panzer zugewiesen und es wurde versucht, die personellen Lücken zu schliessen, ihre einstige militärische Stärke konnte sie jedoch nicht mehr erreichen. Trotz dieser Einschränkungen stellte sie für ihre Gegner noch eine ernsthafte Bedrohung dar. Die  6. SS-Panzerarmee wurde nicht zur Verteidigung von Berlin, Nürnberg oder anderen, für das NS-Regime bedeutenden Orten eingesetzt, sondern in Österreich. Das Mostviertel und mit ihm die heutigen Bezirke Amstetten, Melk, Scheibbs und Waidhofen/Ybbs wurden somit zum entscheidenden Gelände in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges.

Der letzte Akt
Am 27. April 1945 rief der provisorische Bundeskanzler Karl Renner in Wien die Zweite Republik aus. Am nächsten Tag überschritten die ersten amerikanischen Truppen die Grenze in Tirol. Innerhalb von 24 Stunden fanden somit zwei für das Ende des Dritten Reiches in Österreich wesentliche Ereignisse statt. Niemand konnte nach diesem Tag noch mit einem deutschen Sieg rechnen.

Das war auch Generaloberst Rendulic bewusst. Ihm unterstanden die deutschen Truppenteile, die auf österreichischem Boden kämpften. Dem General war klar, dass nach einem Verlust des Versorgungsraumes der Heeresgruppe Ostmark, das Ende seines Grossverbandes nicht mehr abzuwenden war. Dieser Raum befand sich mit Masse in Oberösterreich, wo nun die Offensive der US-Armee begonnen hatte. Die Direktive für den Kampf der deutschen Truppe gegen die Amerikaner lautete, symbolischen Widerstand zu leisten. Den Sowjets wollte man jedoch noch mit aller Härte entgegentreten. Das war zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht notwendig, da die Rote Armee im Wesentlichen ihre Waffen ruhen liess. Es kam zwar zu kleineren Kampfhandlungen, diese waren jedoch für den Verlauf des Krieges unbedeutend. An der Front im Osten war der Winter zurückgekehrt, und die Moral der Truppe war am Tiefpunkt, wie den Schilderungen eines ehemaligen Soldaten zu entnehmen ist: "Oftmals hatten wir den Eindruck, dass sich die Abwehrkämpfe in Einzelaktionen auflösten und jeder um das nackte Überleben kämpfte, um nicht in sowjetische Gefangenschaft zu geraten.

Es war ein langsames Vergehen der Kräfte. (…) Kameradschaft, Vertrauen, Gehorsam und Treue galten nur noch dort etwas, wo man sich kannte und wusste, dass einer für den anderen da war. Wenn auch keiner mehr an den Endsieg glauben konnte, so fühlte sich jeder nur in seinem "Haufen" zu Hause. (…)"

Einer der Soldaten, die so fühlten war Konrad Radner. 1943 wurde er nach der Musterung zur Waffen-SS eingezogen. "Aussuchen konnten wir uns das nicht, wir wurden der Waffen-SS zugeteilt, ob wir wollten oder nicht". Er versah seinen Dienst bei einem Fernschreibtrupp im Kommando der 1. SS-Panzerdivision. Im Vergleich zu vielen seiner Kameraden hatte er eine privilegierte Position mit deutlich höheren Überlebenschancen, als direkt an der Front. Nach zwei Jahren an verschiedenen Frontabschnitten hatte ihn der Krieg schliesslich in die Nähe seiner Heimat im Mostviertel gebracht.

Selbstmord
Als die Front in Niederösterreich zum Stehen kam, befahl die Oberste Heeresleitung in Berlin eine Umgliederung der Truppen an der Ostfront. Auch die Heeresgruppe Süd, die sich kurz zuvor neu formiert hatte, musste wesentliche Kräfte für die Verteidigung ihres Frontabschnittes abgeben. Diese wurden in den Raum Brünn (Brno, im heutigen Tschechien) verlegt, um dort eine sowjetische Offensive Richtung Prag abzuwehren.

Am 30. April 1945 verübte Adolf Hitler Selbstmord im Bunker der Berliner Reichskanzlei. Die Soldaten an der Front erfuhren davon am nächsten Tag. Viele von ihnen waren erleichtert, denn "allen ist klar geworden, dass der Krieg sein Ende gefunden hat. Zu Ende ist die ständige Angst im Nacken vor der nächsten Schlacht am nächsten Tag und das Sterben". Mit diesem Tag beendete die Oberste Heeresleitung in Berlin die Truppenverschiebungen in Österreich. Die Gliederung der Heeresgruppe Ostmark blieb von diesem Zeitpunkt bis zum Kriegsende im Wesentlichen unverändert.

"Bis an die Front war nun auch das Gerücht durchgesickert, dass die Enns die Demarkationslinie zwischen den Amerikanern und den Sowjets werden sollte". Darüber hinaus gab es schon Informationen über deutsche Kommandanten, die mit den Amerikanern verhandeln würden, damit möglichst grosse deutsche Truppenteile in amerikanische Gefangenschaft kommen. "Nun zum Schluss nicht noch den Sowjets in die Hände fallen", war die Devise der meisten Soldaten.

Die Hoffnungen vieler Soldaten lagen vor allem bei Grossadmiral Karl Dönitz, der nach dem Selbstmord Hitlers die Nachfolge als Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber der Deutschen Wehrmacht übernahm. Er sollte den deutschen Soldaten die sowjetische Gefangenschaft ersparen. Die Situation der Soldaten an der Front änderte sich dadurch jedoch nicht. An der Hauptkampflinie an der Traisen gab es zwar ständig kleinere Kämpfe, im Grossen und Ganzen war die Lage dort jedoch stabil. "Wir haben (…) den Befehl erhalten, (…) so lange zu verteidigen bis alle rückwärtigen Einheiten - Verbandsplätze, Lazarette, die zum Teil fliehende Bevölkerung eingeschlossen - vor den angreifenden Russen in Sicherheit sind". Die letzte Phase des verlorenen Krieges hatte begonnen.

Amerikanischer Vorstoss
Seit Ende April 1945 befanden sich amerikanische Truppen im bayerisch/österreichischen Grenzgebiet. Am 26. April begann der Angriff der US-Armee nördlich der Donau über den Bayrischen Wald in das westliche Mühlviertel. Die ersten Aktionen der 11. US-Panzerdivision konnten die deutschen Truppen im Grenzbereich von Kollerschlag im Mühlviertel noch abwehren. Am 30. April überschritten US-Soldaten schliesslich die Grenze zu Österreich. Drei Tage später waren sie etwa 20 km bis Neufelden und Haslach vorgestossen. Das Vorgehen der amerikanischen Kräfte im Mühlviertel erfolgte wesentlich langsamer als in Bayern. Schwere Regenfälle und ein Gelände, das schwierig zu passieren war, verzögerten den Vormarsch.

Ab dem 2. Mai begann die US-Offensive auf breiter Front auch südlich der Donau. Dort griffen die 65., 71. und 80. Division zügig Richtung Osten an. Aufgrund einer Weisung von Admiral Dönitz, sollte den US-Truppen nur so lange Widerstand entgegengesetzt werden "bis die Rückführung der deutschen Armeen aus dem Osten hinter die Linien der Westalliierten gelungen sei". Bereits am 4. Mai standen die Amerikaner bei der Linie Eferding - Wels - Lambach - Vöcklabruck.

Hartnäckiger Widerstand wurde nur noch bei Eferding geleistet. Hier waren weissrussische Einheiten der Waffen-SS eingesetzt. Sie wussten, dass sie bei einer Gefangennahme an die Sowjets ausgeliefert werden würden, was ihren sicheren Tod bedeutet hätte. Das wollten sie auf jeden Fall verhindern. In ihrem Kampf wurden sie ein letztes Mal von deutschen Jagdflugzeugen des Typs Me-109 aus der Luft unterstützt.

Nördlich der Donau stand die 11. US-Panzerdivision nur noch wenige Kilometer von Linz entfernt. Dort befand sich die letzte Verteidigungslinie vor der Stadt. Noch am 4. Mai konnten die Angriffe der Amerikaner dort abgewehrt werden. Für eine Verteidigung von Linz gab es jedoch nicht mehr genügend deutsche Truppen, weshalb sich die dort eingesetzten Einheiten in der folgenden Nacht Richtung Westen absetzten. Am 5. Mai rückte die US-Armee von Norden und Westen Richtung Linz vor. Der Vorstoss auf die Stadt wurde nur noch von einigen Fliegerabwehrbatterien verzögert. Diese hatten den Auftrag, durch Steilfeuer auf die amerikanischen Truppen das Absetzen der zurückweichenden Verteidiger zu ermöglichen. Kurz nach 1100 Uhr trafen die ersten amerikanischen Panzer am Linzer Hauptplatz ein. Die Stadt war gefallen.

Am Abend des 5. Mai 1945 standen die amerikanischen Truppen südlich der Donau an der Enns. Nördlich der Donau stiessen sie nach Zell, etwa 30 km nordöstlich von Linz vor. Der Versorgungsraum der Heeresgruppe Ostmark war nicht mehr in deutscher Hand. Der Grossverband verfügte zwar noch über eine relativ gute Versorgungslage mit ausreichend Waffen, Gerät und Munition, womit er noch ernsthaft Widerstand hätte leisten können. Diese Vorräte wären jedoch nach wenigen Kampftagen aufgebraucht und nicht mehr zu ersetzen gewesen. Die Kapitulation der Heeresgruppe war unausweichlich.

Bevor Konrad Radner mit seiner Division an die Ostfront verlegt worden war, war er an der Westfront eingesetzt. Dort stand er schon einmal den Amerikanern gegenüber, in deren Gefangenschaft er sich nun begeben sollte. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 kämpfte er bis zum Jänner 1945 gegen amerikanische Truppen. Diese waren am 5. Mai 1945 nur noch 80 km von ihm entfernt. An der Westfront 1944 erlebte er im Kessel von Falaise seine gefährlichsten Momente während des Krieges: "Als wir durch die Hecken rannten, wurden wir von allen Seiten beschossen. Vor mir und neben mir wurden Kameraden von Kugeln getroffen und blieben liegen. Plötzlich fuhr ein Panzer vorbei, der auch eine Kanone transportierte. Ich nutzte die Gelegenheit und sprang auf das Geschütz. Kurz darauf sassen links und rechts von mir noch weitere Soldaten. Ich dachte, bevor ich getroffen werde, erwischt es die. Nicht alle fanden einen Platz auf der Kanone. Ein Soldat, der auf den Panzer springen wollte landete in dessen Ketten. Ich kann noch heute seine Schreie hören".

Widerstand nördlich der Donau
Der Vormarsch der amerikanischen Truppen nördlich der Donau gestaltete sich schwieriger als südlich. Entlang der Linie Grein - Königswiesen leistete die 3. SS-Panzerdivision hartnäckigen Widerstand. Die Chronik des Gendarmeriepostens von Königswiesen gibt einen Einblick in die Kampfhandlungen: "Am 5. Mai um 1100 Uhr kamen amerikanische Parlamentäre und forderten den Bürgermeister auf, den Markt kampflos zu übergeben. Der Bürgermeister sagte dies auch zu und liess die weisse Fahne hissen". Der Ortsgruppenleiter der NSDAP wollte den Ort jedoch unbedingt verteidigen und rief eine Einheit der Waffen-SS herbei, "die um 1530 Uhr eintraf und sogleich in Stellung ging".

Der Bürgermeister, einige Bürger und der Postenkommandant der Gendarmerie versuchten, mit den Amerikanern Verbindung aufzunehmen. Dabei wurden sie von Soldaten der Waffen-SS beschossen und mussten umkehren. "Um 1800 Uhr kam es zu einem kurzen Feuergefecht mit der amerikanischen Vorhut (...). Das Gefecht wurde abgebrochen und die Amerikaner bezogen mit sieben Panzern den Höhenrücken von Kastendorf. In der Nacht zum 6. Mai kam laufend SS-Verstärkung an, welche die umliegenden Höhen besetzten".

Am 6. Mai war Königswiesen voller Soldaten. Viele Bewohner versuchten, sich in den Gehöften der Umgebung oder in den Wäldern zu verstecken. "Um ungefähr 1330 Uhr begann der Kampf etwa zwei Kilometer ausserhalb des Ortes. (…) Von Mönchdorf feuerte der Amerikaner. (...) Das Ziel war der MG-Stand auf dem Kirchturm. Am 7. Mai setzte der Amerikaner Flieger ein, welche den Markt und die Umgebung umkreisten. Sie beschossen die SS-Stellungen mit Bordwaffen. (…) Die SS stellte hierauf den Kampf ein, aber der Amerikaner stiess nicht mehr vor".

Ähnlich war die Situation bei Grein, wo auch schweres Artilleriefeuer die dort eingesetzten Soldaten nicht aus ihren Stellungen werfen konnte. Am 7. Mai griffen die amerikanischen Truppen mit Unterstützung von Jagdbombern an, die Verteidiger konnten die Frontlinie jedoch nach wie vor behaupten. Der hartnäckige Widerstand der 3. SS-Panzerdivision diente dazu, den Abzug ihres Korps zu decken. Sie standen dennoch im Gegensatz zum Verhalten der restlichen Teile der Heeresgruppe Ostmark. Der Grund könnte darin liegen, dass sich die 6. SS-Panzerarmee unter Sepp Dietrich dem Befehl von Generaloberst Rendulic vom 6. Mai widersetzte. Rendulic befahl, dass am 7. Mai ab 0900 Uhr die Kämpfe gegen die US-Armee einzustellen sind.

Bei allen Anordnungen und Befehlen, die zu Kriegsende an deutsche Truppen erteilt wurden, gab es einen wesentlichen Unsicherheitsfaktor: Die im deutschen Heeresverband kämpfenden Teile der Waffen-SS. Als militärischer Arm der SS waren sie vor allem Adolf Hitler, der Partei bzw. dem NS-Staat verpflichtet und deshalb für die Heeresführung unberechenbar. Wie weit sie nach dem Tod Hitlers dem ebenfalls wankenden NS-Regime noch treu sein würden, war fraglich und von Verband zu Verband unterschiedlich. Den meisten Angehörigen der Waffen-SS war bewusst, dass der Krieg verloren war und sie hatten nur noch den Wunsch, in amerikanische und nicht in sowjetische Gefangenschaft zu gelangen.

Auch wenn sie Teilkapitulationen wie jene der Heeresgruppe Ostmark nicht akzeptierten - die Gesamtkapitulation sahen sie dann doch als verbindlich an. Wie gross die Bedenken des Oberkommandos der Wehrmacht waren, zeigt ein Telegramm an Sepp Dietrich. Noch am frühen Nachmittag des 9. Mai, also bereits nach dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa, wurde er dazu gemahnt, die bedingungslose Kapitulation zu respektieren.

Die letzte Umgruppierung
Durch den Vorstoss der amerikanischen Truppen an die Enns am 5. Mai verstärkte die Heeresgruppe Ostmark noch ein letztes Mal ihre Positionen entlang der Enns. Damit sollte ein Durchbrechen der US-Armee solange verhindert werden, bis die Masse der Soldaten der Ostfront in amerikanischer Gefangenschaft wären. Ausserdem wollte man verhindern, dass im Rücken der gegen die Sowjets kämpfenden Truppen, plötzlich US-Soldaten auftauchten. Die Truppenverschiebung war nur möglich, da es an der Ostfront nach wie vor relativ ruhig war. Rendulic setzte mit der Verstärkung der Verteidigungslinie entlang der Enns auch einen Befehl seines Vorgesetzten um. Dieser lautete, den Westmächten nur noch hinhaltenden Widerstand zu leisten, den Sowjets jedoch nach wie vor entschlossen entgegenzutreten und das Absetzen Richtung Westen zu intensivieren.

Die Heeresgruppe Ostmark wurde dabei auch von Kräften unterstützt, die zwar Uniform trugen, aber sonst wenig mit soldatischen Tugenden verband. Es waren die SS-Wachmannschaften des Konzentrationslagers Mauthausen, die dieses am 3. Mai verlassen hatten. Nun besetzten sie das Gebiet östlich des Lagers. "Die Auffangstellung befand sich auf einem Hügelgebiet und zog sich etwa entlang des Bahngleises Mauthausen in Richtung Norden. (…) Ein kleiner Teil der SS-Formationen wurde über die Donaubrücke dirigiert, um in den Auen und entlang des Flusses Enns Stellung zu beziehen". Diese Einheiten waren bereit bis zur letzten Patrone zu kämpfen. Aufgrund ihrer Tätigkeit in der Terror- und Tötungsmaschinerie des Dritten Reiches wollten sie keineswegs in Gefangenschaft geraten - egal auf welcher Seite.

Die Ostfront im Alpenvorland bröckelt
Vom 2. bis zum 6. Mai 1945 wurden alle nicht mehr voll einsatzbereiten schweren Waffen sowie Nachschub-, Transport- und Instandsetzungseinheiten von der Front im Osten des Alpenvorlandes abgezogen. Nachdem die US-Truppen die Enns erreicht hatten, kamen die Operationen der Alliierten zum Stillstand. Obwohl erste amerikanische Aufklärungseinheiten über die Enns vorstiessen, bestand keine unmittelbare Gefahr eines grossen Angriffes. Der Oberste Befehlshaber der Deutschen Wehrmacht, Admiral Dönitz, befahl deshalb, die Absetzbewegungen im Osten zu beschleunigen. An der Niederlage gab es keine Zweifel mehr.

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06_195/Frontverlauf in Europa zwischen 1943 und 1945. Die blauen Gebiete zeigen jene Gebiete, die am 7. Mai 1945 noch unter deutscher Kontrolle standen. (Grafik: San Jose)

Die Hauptkampflinie an der Ostfront im Alpenvorland war ab dem 6. Mai 1945 nur noch stützpunktartig besetzt. Die deutschen Einheiten setzten sich Richtung Westen in Bewegung, wobei sie sich auf ein gut ausgebautes und leistungsfähiges Strassennetz abstützen konnten. Motorisierte Einheiten, die noch an der Frontlinie ausharrten, sollten die Absetzbewegungen verschleiern. Zu diesem Zeitpunkt mischten sich die Soldaten, auch jene der Waffen-SS, unter den Strom der Flüchtlinge in den Westen. "In den drei Tagen vor der Besetzung [hier der 9. Mai; Anm.] bewegte sich auf der Strasse nach Oberösterreich ein breiter Strom von Soldaten und Zivilisten mit und ohne Fahrzeug. Die abgehetzten, verwildert aussehenden Soldaten (…) boten ein Bild der Trostlosigkeit und des Jammers".

Die letzten Tage des Krieges zu überleben, hatte oberste Priorität bei den Soldaten an der Front. Konrad Radner hatte bereits zahlreiche gefährliche Situationen überlebt. Neben dem Glück war es vor allem wichtig, Gefahren zu erkennen und keiner "Versuchung" zu erliegen. Von diesen gab es viele. Eine davon blieb ihm besonders in Erinnerung: "Im Krieg wurden Freiwillige gesucht, die den Führerschein machen sollten. Auch ich wurde gefragt. Die Ausbildung hätte drei Wochen gedauert, und ein paar Tage Heimaturlaub wären auch dabei herausgesprungen. Ich habe abgelehnt".

Die Kraftfahrer bei den Fernmeldeeinheiten waren dem Tode geweiht. Die Funksprüche, die in den Fahrzeugen abgegeben wurden, konnten von den amerikanischen Truppen geortet werden. Kurz nachdem ein Funkspruch abgesetzt war, wurden sie zur Zielscheibe der Artillerie. Im Gegensatz zur Mannschaft, die absass und eine Deckung aufsuchte, mussten die Fahrer im Fahrzeug bleiben. "Die Aussicht auf ein paar Tage weg von der Front war für viele Kameraden jedoch zu verlockend. Keiner von ihnen hat den Krieg überlebt - alle starben in ihren Fahrzeugen".

Die Amerikaner kommen
Am 6. Mai 1945 trafen amerikanische Soldaten in Waidhofen/Ybbs ein. "Es wurde bekannt, dass der Abschluss der Kampfhandlungen unmittelbar bevorstehe und die Amerikaner an der niederösterreichischen Grenze stehen. (...) Sie werden auch zu uns kommen, hofften viele. (…)" Die Sorge der Bewohner war nicht unberechtigt. Viele Soldaten berichteten von ihren Erlebnissen an der Front, aber auch von den Gräueltaten an der Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Davon erzählte auch so mancher Fremdarbeiter, von denen damals viele in der Stadt und ihrer Umgebung waren. Die deutsche Propaganda tat ihr übriges, indem sie die Ostvölker, speziell die Russen, als Barbaren darstellte und vor der Roten Armee warnte.

Neben der Angst vor der Rache der Sowjets gab es bei der Bevölkerung die Sorge, dass es zwischen Amerikanern und SS-Einheiten zu Kämpfen kommen könnte, und sie dazwischen stehen würden. "Am Sonntag, dem 6. Mai 1945 fuhren am Nachmittag plötzlich amerikanische Panzer (…) nach Waidhofen". Die Befürchtungen der Bewohner sind nachvollziehbar, trafen jedoch nicht ein. "Wir standen auf der Fussgängerbrücke (…) und konnten die Jeeps sehen. (…) Auf der Brücke, auf der wir uns befanden, patrouillierten deutsche Soldaten mit Gewehren. (…) Wir dachten uns, dass es jetzt gleich zu einem Gefecht zwischen Deutschen und Amerikanern kommen würde. Aber es geschah nichts. Beide taten so, als ob sie einander nicht wahrgenommen hätten. (…)".

Vorhuten der US-Army
Amerikanische Truppen drangen am 6. Mai auch an anderen Orten in die zukünftige sowjetische Zone ein. Nicht überall verlief das so friedlich wie in Waidhofen/Ybbs. In Ernsthofen bei St. Valentin trafen die US-Soldaten auf erheblichen Widerstand. Am Vorabend hatten sie Kronstorf, an der gegenüberliegende Seite der Enns erreicht. Ab etwa 0800 Uhr in der Früh versuchten sie, den Fluss bei der Baustelle des Kraftwerkes zu überqueren, um nach Ernsthofen zu gelangen.

Einheiten der Waffen-SS, die sich auf den Hügeln hinter dem Fluss verschanzt hatten, nahmen sie unter Feuer. Dabei setzten die Verteidiger Fliegerabwehrkanonen im Erdeinsatz zur Abwehr des amerikanischen Angriffes aus dem Westen ein. Die US-Truppen mussten den Angriff abbrechen. Kurz darauf griffen sie erneut, dieses Mal jedoch mit Unterstützung von Tieffliegern an. Um etwa 15 Uhr gelang es ihnen schliesslich, die Enns mit Schlauchbooten zu übersetzen. 36 amerikanische und neun deutsche Soldaten starben bei dem Gefecht. "In Ernsthofen befindet sich das letzte Widerstandsnest Deutscher Truppen”, meldete damals ein britischer Radiosender. Er sollte sich irren.

Nachdem sie Ernsthofen eingenommen hatten, marschierten die amerikanischen Soldaten weiter nach St. Valentin, wo sie auf keine Gegenwehr mehr stiessen und vom Bürgermeister begrüsst wurden. Nach einigen Stunden vor Ort setzten sie sich wieder ab und gingen hinter die Enns zurück. Der Vorstoss galt vermutlich dem Nibelungenwerk in St. Valentin, einem der grössten deutschen Panzerwerke.

Mehr als die Hälfte der etwa 8.500 Panzer IV, der meistgebaute deutsche Panzerkampfwagen des Krieges, wurden dort hergestellt. Das Werk war seit einem Bombenangriff am 23. März 1945 so stark zerstört, dass keine Panzer mehr produziert werden konnten. Die US-Soldaten wollten sich davon vermutlich selbst vor Ort überzeugen. Der Krieg in St. Valentin war dadurch jedoch noch nicht beendet. Am 7. Mai 1945 lag die Stadt unter dem Feuer alliierter Artillerie. Am gleichen Tag wurde auch bereits der erste Besatzungsbefehl durch die Gemeinde vorbereitet. Darin wurde, noch bevor die Besatzungstruppen vor Ort waren, die Abgabe von Waffen befohlen. Am 9. Mai marschierten schliesslich die sowjetischen Truppen in St. Valentin ein und übernahmen dort die Kontrolle.

US-Patrouille in Waidhofen/Ybbs
Bei ihrem Vorstoss auf Waidhofen/Ybbs am 6. Mai 1945 ging einem amerikanischen Spähtrupp das Benzin aus. Die US-Soldaten hielten daraufhin einen deutschen Kradmelder auf und baten ihn um Treibstoff. Der Kradmelder liess einen amerikanischen Soldaten, der ursprünglich aus Österreich stammte, aufsitzen, und fuhr mit ihm in das Schloss nach Waidhofen/Ybbs. Als er dort ankam, musste er vor einer Tür warten. "Er konnte ein lautes Streitgespräch hinter dieser Türe vernehmen. Als die Stimmen lauter wurden hörte er, wie jemand vorschlug, ihn zu erschiessen. (…) Er riss die Tür auf und ging auf den Tisch zu, an dem einige hohe deutsche Offiziere sassen und schlug mit der Faust auf den Tisch. Er sagte auf Deutsch, dass er hier wäre, um die Kapitulation in die Wege zu leiten".

Es war eine List, mit welcher der junge US-Soldat sein Leben retten wollte. Was er nicht wusste: Er befand sich im Hauptquartier der Heeresgruppe Ostmark. Diese hatte erst vor wenigen Stunden ihren neuen Gefechtsstand im Schloss bezogen. Das alte Hauptquartier befand sich in Erla, nur wenige Kilometer von Enns entfernt, das bereits in amerikanischer Hand war.

Der Kommandant der Heeresgruppe Ostmark, Generaloberst Lothar Rendulic, stand schon lange bei seinen Vorgesetzten im Verdacht, mit den Amerikanern über eine mögliche Kapitulation verhandeln zu wollen. Erst vor wenigen Stunden hatte er seinen Truppen befohlen, die amerikanischen Einheiten westlich der Ybbs nicht mehr zu bekämpfen. Den SS-Einheiten wurden sogar Verbindungsoffiziere zugeteilt, die sicherstellen sollten, dass dieser Befehl eingehalten wird.

Kurze Zeit später war auch der Zugskommandant des jungen amerikanischen Soldaten in das Schloss gekommen. Er teilte dem General mit, "dass er beauftragt war, die Sowjets zu finden und die Deutschen zur Kapitulation zu zwingen". Er bat den Generaloberst darum, seinen Zug in das Schloss nachholen und dort unterbringen zu dürfen. Da die Führung der Heeresgruppe Ostmark die Absicht hatte zu kapitulieren, willigte er ein. Am Abend des 6. Mai befand sich ein Zug amerikanischer Soldaten in Waidhofen/Ybbs. Rendulic befahl der Heeresgruppe Ostmark, ab 0800 Uhr des nächsten Tages die Kämpfe gegen die Amerikaner endgültig einzustellen. Die Teile des Grossverbandes, die im Osten gegen die Sowjets kämpften, bekamen den Befehl sich abzusetzen.

Widerstand
Als die amerikanischen Truppen am 5. Mai die Enns erreichten, erhielt die in Amstetten und Hollenstein stationierte Artillerie-Ersatz- und Ausbildungsabteilung 109 den Befehl, Stellungen im Raum Erlauf zu beziehen. Innerhalb der Abteilung hatte sich jedoch eine Widerstandsgruppe gebildet, der auch ihr Kommandant angehörte. Um den Befehl nicht ausführen zu müssen, fuhr dieser mit den Teilen der Amstettener Garnison nach Hollenstein. Dort wollte er mit seinen Männern das Kriegsende abwarten. Um diesen Plan zu verwirklichen, nahm er in der Früh des 6. Mai die örtliche NS-Führung fest und setzte Sicherungen am Ortseingang von Hollenstein ein.

Hollenstein lag auf einer der Rückzugsstrassen der bereits zurückflutenden deutschen Kräfte, viele davon kriegserfahrene Soldaten der Waffen-SS. Diesen verstellten die Widerstandskämpfer der Ersatzabteilung nun den Weg in die rettende US-Zone. "Auf eine Kriegsaktion, dass wir schiessen müssen, darauf waren wir eigentlich gar nicht gefasst. Wir haben nur geglaubt, wir machen einen Überfall und aus". Als die Einheiten der Waffen-SS angriffen, zersplitterte sich die Abteilung und zog sich in die

Berge der Umgebung zurück. Mehrere Widerstandskämpfer kamen bei den Kampfhandlungen ums Leben oder wurden kurz darauf hingerichtet.

Als die Rote Armee einige Tage später in Hollenstein eintraf, kamen ihnen die Angehörigen der Ersatzabteilung mit rot-weiss-roten Armschleifen entgegen. Die Sowjets nahmen jedoch keine Rücksicht auf die Widerstandstätigkeit der Abteilung. Im Gegensatz zu den Soldaten der Waffen-SS, die schon hinter der amerikanischen Linie waren, traten sie nun den Fussmarsch in die sowjetische Kriegsgefangenschaft an.

In den letzten Wochen des Krieges ereigneten sich im Alpenvorland mehrere "Endphaseverbrechen". Dabei wurden vor allem Juden Opfer des NS-Regimes. Die Spur des Terrors zog sich in der Region von Hofamt Priel nördlich der Donau über Amstetten und Randegg bis nach Göstling und Gresten. Hunderte ungarische Juden wurden dabei noch zu Opfern von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von anarchisch agierenden Einheiten der SS ohne konkreten Befehl verübt wurden.

Patrouillen der Waffen-SS griffen auch immer wieder Deserteure auf. "Im Bezirk Amstetten wurden 37 Personen wegen Hochverrat, Wehrkraftzersetzung, Fahnenflucht usw. zu Freiheitsstrafen und zum Tod verurteilt. 15 Todesurteile wurden vollstreckt". Darüber hinaus wurden etwa 250 Deserteure vom März 1945 bis zum Kriegsende aufgegriffen. Fast alle wurden exekutiert, und "als abschreckendes Beispiel wurde der Grossteil der erschossenen Soldaten (…) öffentlich zur Schau gestellt". Sie wurden häufig an Laternen aufgehängt oder auf offener Strasse erschossen und dort liegen gelassen.

Kapitulation
Die amerikanischen Soldaten in Waidhofen/Ybbs konnten ihren Auftrag, mit den Sowjets Verbindung aufzunehmen nicht erfüllen. Sie konnten jedoch eine andere wichtige Mission ausführen: Den Kommandanten der Heeresgruppe Ostmark zu ihrem Vorgesetzten eskortieren, um die Verhandlungen über die Kapitulation seines Grossverbandes in die Wege zu leiten. Das war auch deshalb wichtig, weil damit ein für alle Mal das Gespenst der Alpenfestung gebannt war. Die Errichtung dieser Verteidigungsanlage war zwar immer illusorisch, dennoch hätten die deutschen Truppen über genug Soldaten, Waffen und Nachschubmittel verfügt, um den Krieg noch zu verlängern. In den Mittagsstunden des 7. Mai 1945 verliess Generaloberst Rendulic mit den amerikanischen Soldaten Waidhofen/Ybbs.

Am 7. Mai 1945 unterschrieb General Jodl im Hauptquartier des westalliierten Oberbefehlshabers General Eisenhower in Reims die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches. Das Ziel der Verhandlungen war ein Frieden mit den Westalliierten, aber ein Weiterführen des Krieges gegen die Sowjetunion. Dieser Plan ging nicht auf. Die Westalliierten wollten die Gesamtkapitulation. Aufgrund der aussichtlosen Lage blieb der deutschen Delegation nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren. Jodl konnte jedoch erreichen, dass den Deutschen die Rückführung ihrer Truppen von der Ostfront in den amerikanischen Machtbereich innerhalb einer Frist von zwei Tagen zugestanden wurde.

Noch in der gleichen Nacht befahl Grossadmiral Karl Dönitz das Absetzen aller an der Ostfront kämpfenden Teile nach Westen zu den Amerikanern. Bereits am 4. Mai meinte er, dass der weitere Verlauf des Krieges vor allem den Sinn habe, möglichst grosse Teile der deutschen Bevölkerung vor den sowjetischen Truppen in Sicherheit zu bringen. Im Wesentlichen ging es jedoch darum, möglichst vielen deutschen Soldaten die sowjetische Gefangenschaft zu ersparen.

Die Heeresgruppe Ostmark war über die allgemeine Lage der deutschen Truppen an den restlichen Kriegsschauplätzen schlecht informiert. "Das Oberkommando der Wehrmacht war nicht mehr zu erreichen. Es war mir auch unbekannt, dass Verhandlungen des Oberkommandos mit dem Gegner stattfanden". Die Fahrt mit den amerikanischen Soldaten, am Nachmittag des 7. Mai, führte Generaloberst Rendulic nach St. Martin/Innkreis (ca. 10 km nördlich von Ried im Innkreis). Dort unterschrieb er um 1800 Uhr die bedingungslose Kapitulation seines Grossverbandes.

Am Abend des 7. Mai war die Verbindung zum Oberkommando der Wehrmacht wieder hergestellt. Die Heeresgruppe Ostmark erhielt den Befehl, sich möglichst unauffällig von den Sowjets zu lösen. Der Grossverband sollte nun mit möglichst viel Verpflegung und nur mit Handfeuerwaffen im Gepäck bis 9. Mai 0001 Uhr die Enns überschreiten. Rendulic und Dönitz hatten unabhängig voneinander das gleiche entschieden - aufgrund der aussichtslosen militärischen Situation blieb ihnen jedoch auch keine andere Wahl.

Innerhalb von etwa 30 Stunden musste die gesamte Heeresgruppe Ostmark mit ihren Armeen, Korps und Divisionen, das Gefecht abbrechen und sich bis zu 80 km weit Richtung Westen absetzen. Die Front der Heeresgruppe löste sich daraufhin auf. Es gab keinen Zusammenhalt mehr an der Frontlinie, und jeder Verband versuchte selbstständig, die Demarkationslinie zu erreichen. Den Kräften im Alpenvorland standen dazu neben der Bundesstrasse 1, das Donautal sowie die Bundesstrasse über Scheibbs nach Waidhofen/Ybbs und von dort weiter bis nach Weyer, Ternberg und Steyr zur Verfügung. Daneben gab es noch einige kleinere Strassen, die ebenfalls von den zurückflutenden Truppen genutzt wurden.

Der letzte Marsch
Am Nachmittag des 7. Mai übermittelt Konrad Radner einen seiner letzten Befehle im Divisionsgefechtsstand. Der Inhalt: Alle Teile der 1. SS-Panzerdivision sammeln im Raum Scheibbs - Puchenstuben zur Bereitstellung für den Marsch an die Enns. Für den Fernschreiber war der Krieg und damit der Dienst am Divisionsgefechtsstand, der ihm unzählige schlaflose Nächte bescherte, fast beendet. "Wenn ich einen Angriffsbefehl übermittelte, konnte ich solange nicht einschlafen, bis die Kanonen donnerten. Das war der Beginn eines Angriffes. Für mich war es das Zeichen, dass ich die Meldung korrekt abgesetzt hatte. Erst dann konnte ich ruhig einschlafen". Die Anspannung des täglichen Kampfeinsatzes und die unmittelbare Angst vor dem Tod liessen bei den Soldaten nach. Umso grösser wurden jedoch die Ungewissheit und das Gefühl der Unsicherheit vor der Zeit nach dem Krieg.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Mai bezog das, nördlich der 1. SS-Panzerdivision eingesetzte, Korps Bünau eine Verteidigungslinie zwischen Melk und Mank. Die Enge zwischen dem Donautal und dem Alpenvorland sollte genutzt werden, um den drohenden sowjetischen Angriff, der bald folgen müsste, entgegenzutreten. In den Morgenstunden erhielt nun auch das Korps Bünau den Befehl, den Weg in die amerikanische Gefangenschaft anzutreten. Da dieser Verband schon in Bewegung war, musste nur noch der Marschweg und das Marschziel verändert werden. Dieser Teil der 6. SS-Panzerarmee konnte den Weg entlang der Bundesstrasse 1 Richtung Westen in die amerikanische Kriegsgefangenschaft relativ einfach antreten.

Sowjetische Einheiten stiessen den deutschen Truppen nach. Den Vorstoss der Roten Armee zu verzögern, war die wichtigste Aufgabe für die Nachhuten der zurückströmenden Teile der Wehrmacht. Nur so konnte das Absetzen in die US-Zone gelingen. Um das zu erreichen, sprengten die zurückweichenden Soldaten mehrere Brücken entlang ihres Weges. Bei Melk wurde nicht nur die Brücke, sondern auch das Fährschiff über die Donau vernichtet. Weiter westlich kam es sowohl in Kemmelbach als auch in Neumarkt/Ybbs zu Kämpfen, wobei auf beiden Seiten auch Panzer eingesetzt wurden. Immer dann, wenn die Spitzen der Roten Armee den zurückweichenden deutschen Soldaten zu nahe gekommen waren, wurden sie angeschossen und ihr Vormarsch verzögert.

Der Rückzug der deutschen Truppen bzw. der Vorstoss der Roten Armee verlief nicht immer entlang der Bundesstrasse oder einer ihrer Parallelverbindungen. Wenn die Sowjets auf deutschen Widerstand stiessen, wichen sie Richtung Norden oder Süden aus. Dann konnte es vorkommen, dass Nachzügler, versprengte oder "vergessene" Teile der deutschen Armee hinter die sowjetische Linie gerieten. "Plötzlich bremst der Fahrer scharf und hält. (…) Er blickt starr geradeaus, um schliesslich nach vorne zu zeigen. Als ich ebenfalls nach vorne blicke, will mir das Herz still stehen!" Ein Teil einer Panzerjägerabteilung der 12. SS-Panzerdivision war östlich von Blindenmarkt auf sowjetische T-34-Panzer aufgelaufen. "Zwei Panzer schwenken den Turm in unsere Richtung, und ich sehe in das schwarze Loch ihrer Kanonenmündung". Die sowjetische Einheit war aus Scheibbs angerückt, da es dem dortigen Rückzugsgefecht vermutlich Richtung Norden ausgewichen war. Solche Szenen waren jedoch die Ausnahme. Im Grossen und Ganzen vollzog sich der Rückzug hinter die amerikanische Linie geordnet und geschlossen.

Das letzte Gefecht entlang der Bundesstrasse 1 am 8. Mai 1945 fand in St. Georgen/Ybbsfeld, einige Kilometer östlich von Amstetten statt. Dort hielten die deutschen Nachhuten noch einmal sowjetische Panzer auf. Um die Verteidigung zu brechen, setzte die Rote Armee Tiefflieger ein, wobei mehrere Gebäude in dem Dorf teilweise schwer beschädigt wurden. In Amstetten trafen die Sowjets nicht mehr auf Widerstand. Kurz davor wurde die Stadt jedoch noch ein letztes Mal bombardiert. Dabei griffen sowjetische Jagdbomber den Hauptplatz an, auf dem sich neben deutschen Truppen auch eine amerikanische Vorhut befand.

Weiter südlich begannen die vorgeschobenen Teile der 1. SS-Panzerdivision ihren Rückzug im Alpenvorland südlich von Lilienfeld. Auch hier stiessen die sowjetischen Verbände den deutschen Truppen nach, wobei sie sowohl Artillerie als auch Jagdflieger einsetzten. Noch am letzten Tag des Krieges gab es zahlreiche Tote und Verwundete unter der Zivilbevölkerung in der Region. Die Soldaten der Waffen-SS sprengten mehrere Brücken, konnten damit das Vorgehen der Roten Armee jedoch nur geringfügig verzögern. Das reichte aber aus, um mit geringen eigenen Verlusten zurückzuweichen. Die Masse der 1. SS-Panzerdivision befand sich am Morgen des 8. Mai bereits im Verfügungsraum Scheibbs - Puchenstuben. Dort erhielten ihre Verbände und Einheiten den letzten Marschbefehl: Alle Kräfte im Verfügungsraum hatten unverzüglich antretend in den Raum westlich von Steyr zu verlegen. Nach fünf Jahren und acht Monaten im Krieg traten die Soldaten der Division ihren Weg in die Gefangenschaft an.

Vorstoss entlang der Donau
Auf der Bundesstrasse entlang des nördlichen Donauufers stiessen amerikanische Spitzen Richtung Osten vor. Bei ihrem Vormarsch am 8. Mai 1945 hatten sie bei Emmersdorf bereits deutsche Soldaten vom Korps Bünau am südlichen Ufer der Donau mit Granatwerfern bekämpft. In Aggsbach Markt gerieten die US-Soldaten am Vormittag sogar irrtümlich in ein Feuergefecht mit den bereits vor Ort befindlichen Sowjets. Daraufhin zogen sie sich wieder Richtung Westen zurück. Es war die erste Begegnung von amerikanischen und sowjetischen Soldaten während des Zweiten Weltkrieges in Österreich.

Deutsche Soldaten sprengten bei ihrem Rückzug beide Kremser Donaubrücken und die Donaufähren von Spitz und Weissenkirchen. Damit wollte man vor allem Zeit gewinnen und den sowjetischen Vormarsch verzögern, um sich absetzen zu können. Die Rote Armee liess sich davon nicht aufhalten und stiess entlang der Donau weiter vor. In Aggsbach Dorf kam es zu einem Gefecht zwischen den Sowjets und den noch vor Ort befindlichen deutschen Einheiten. Einige Soldaten starben bei dem Feuergefecht, andere versuchten sich über die Donau zu retten. In Melk trafen die entlang der Donau operierenden sowjetischen Kräfte mit jenen Teilen zusammen, die entlang der Bundesstrasse 1 vorstiessen.

Marsch nach Weyer
Ein Teil der vorrückenden Roten Armee marschierte südlich der Bundesstrasse 1 in Richtung Scheibbs. Dabei kam es bei St. Georgen/Leys zu einem Gefecht mit einer Nachhut der 1. SS-Panzerdivision. Kurz darauf kamen die sowjetischen Angriffsspitzen in Scheibbs dem Absetzweg der Leibstandarte gefährlich nahe. Um das Absetzen dieser Division zu ermöglichen, wurden die Spitzen der Roten Armee angeschossen. Das Gefecht, das sich daraus entwickelte und bei dem auch Panzer eingesetzt wurden, dauerte etwa vier Stunden. Nachdem alle Soldaten der Waffen-SS Scheibbs passiert hatten, wurde das Gefecht abgebrochen. Die Kolonne der deutschen Soldaten marschierte weiter entlang der Strecke Gresten - Ybbsitz - Waidhofen/Ybbs. Sie waren nicht die Einzigen, die an diesem Tag auf den Strassen waren. "Während des Rückzuges waren viele Zivilisten mit auf der Flucht. Sie störten oft, doch halfen wir, wo wir konnten. Sie hinderten sehr, doch wir wussten, was ihnen blühen würde. Das hatten wir in Ungarn erlebt", schildert ein Soldat die Situation der Flüchtlinge.

Als die Soldaten des Divisionsgefechtsstandes, denen Konrad Radner angehörte, am 8. Mai Waidhofen/Ybbs erreichten, ging er zu seinem Vorgesetzten. "Ich habe meinem Kompaniechef gesagt, dass ich nach Hause gehe. Mein Heimatort Zeillern ist nur etwa 20 Kilometer von Waidhofen entfernt. Er sagte zu mir: Ist in Ordnung. Wenn wir mit dem Amerikaner gemeinsam den Russen angreifen, holen wir dich ab. Wir wissen ja wo du wohnst". In Waidhofen/Ybbs trafen mehrere Wege von der Front zusammen. Neben der Hauptroute über Gresten strömten auch über die Strasse von St. Leonhard Truppen herein, die über Wieselburg und Steinakirchen dorthin gelangten. Auch sie waren auf ihrem Weg in die Stadt in Rückzugskämpfe verwickelt gewesen, um die Sowjets auf Distanz zu halten. In Steinakirchen fielen dabei noch einige Soldaten bei einem Feuergefecht. In Waidhofen/Ybbs trafen die Wege jedoch nicht nur zusammen. Der Marschweg der 1. SS-Panzerdivision teilte sich hier. Ein Teil setzte den Marsch entlang der Strecke Böhlerwerk - Seitenstetten - St. Peter/Au fort, um im Raum Steyr die amerikanische Zone zu erreichen. Eine andere Route führte über Maria Neustift nach Grossraming an die Enns. Die Masse bog jedoch Richtung Süden nach Weyer ab.

Weyer war an diesem Tag das Nadelöhr der zurückweichenden deutschen Truppen und schon von amerikanischen Soldat besetzt, wie ein Soldat berichtet: "Am Ortseingang (…) hatten die Amis einen Vorposten mit einer Kanone aufgestellt. Jedes einzelne Fahrzeug der ewig langen Kolonne musste halten (…)". Nach dem Ortsausgang von Weyer teilte sich die 1. SS-Panzerdivision noch einmal. Die Masse marschierte entlang des Ennstales nach Norden, um bei Ternberg in die US-Zone zu gelangen. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit auf den völlig überfüllten und verstopften Strassen. Die Angst es gerade nicht mehr über die Demarkationslinie zu schaffen und in sowjetische Gefangenschaft zu geraten, war allgegenwärtig. Viele Soldaten liessen ihre Fahrzeuge stehen und versuchten zu Fuss weiterzukommen. Die Division, die bis dahin einigermassen geschlossen blieb, drohte nun auseinanderzufallen. Als der 8. Mai zu Ende ging, standen viele deutsche Soldaten noch immer in der Kolonne östlich der Enns.

"Wir erreichten im Laufe des 9. Mai die Enns bei Weyer. Hier stürzten wir unsere restlichen vier Panzer IV in die Enns und marschierten nur noch mit unseren Räderteilen weiter. Da der Iwan [die Rote Armee] bereits auf Steyr vorgerückt sein sollte, drehten wir ostwärts der Enns nach Süden ab, um nach etwa 40 bis 50 km in Altenmarkt in amerikanische Gefangenschaft zu gehen". Beschreibt ein Soldat seinen Weg in die US-Zone. Bereits davor hatten deutsche Soldaten diesen Weg eingeschlagen. Was die meisten von ihnen nicht wussten: die US-Armee nahm die Vereinbarung mit den Sowjets, die Demarkationslinie zu schliessen nicht überall gleich ernst.

Das letzte Gefecht zwischen Amerikanern und Deutschen
Nicht nur die Sowjets stiessen am letzten Kriegstag vor. Auch amerikanische Truppen begannen ihren Vormarsch mit Aufklärungskräften - jedoch in die andere Richtung. Das verlief nicht immer friedlich. In Ennsdorf kam es zu den letzten Gefechten zwischen deutschen und amerikanischen Truppen. Seit dem 6. Mai waren bereits alle Stützpunkte in und um Ennsdorf von der Waffen-SS besetzt. Diese traf Vorbereitungen zur Verteidigung, baute Unterstände aus und brachte Feldgeschütze sowie Fliegerabwehrkanonen-Batterien in Stellung. Diese Stellungen konnten vom Ennser Schlossberg aus eingesehen werden und lagen deshalb am 7. Mai ab 0800 Uhr morgens unter dem Feuer amerikanischer Artillerie. "Amerikanische Beobachter befinden sich in Flugzeugen über Ennsdorf. Das Gefecht dauert auch tagsüber an und es gibt Granateneinschläge im Ort. Um 1500 Uhr treffen sich SS- und Ami-Offiziere in der Mitte der Ennsbrücke. Die Verhandlungen werden aber nach wenigen Minuten ohne Ergebnis abgebrochen". Ab 1900 Uhr wird der Ort bis Mitternacht mit Granatwerfern beschossen. Als das Steilfeuer verstummte, versuchten US-Soldaten über die Ennsbrücke zu stossen, was ein deutsches Maschinengewehrverhinderte. Die Angreifer gingen daraufhin zurück und setzten erneut Granatwerfer ein, die bis etwa 0200 Uhr feuerten.

"Die deutschen Truppen hatten sich in der Zwischenzeit in die Wälder östlich von Ennsdorf zurückgezogen. Um etwa 0300 Uhr dringen amerikanische Soldaten in den Ort ein. Sie werden dabei von den Soldaten am Waldrand bekämpft". Die Verteidiger setzten sich daraufhin ab. Die US-Soldaten blieben bis zum Eintreffen der Roten Armee am 9. Mai im Ort. Erst dann zogen sie sich über die Brücke zurück, die später zu einem Symbol der Besatzungszeit werden sollte.

Konrad Radner trat seinen letzten Marsch im Krieg an. Nur wenige Soldaten aus seiner Division hatten das Glück, in der Nähe der zusammenbrechenden Front zu wohnen. Er nutzte die Chance und versuchte, sich entlang der Ybbs in seinen Heimatort durchzuschlagen. In Sonntagberg tauschte er die Uniform mit einem Knecht, den er zufällig traf, gegen Zivilgewand. Er sah damit aus wie jemand, der gerade von der Feldarbeit zurückkam. Viele Soldaten taten es so wie er. Manche trugen Rechen, Heugabeln oder ähnlichem Geräte, um so unauffällig wie möglich zu wirken. Dieser Trick funktionierte fast immer: Falls die nun ehemaligen Soldaten auf Sowjets trafen, wurden sie von diesen meistens ignoriert. In den Morgenstunden des 8. Mai 1945, nach der Einnahme von Ennsdorf durch die US-Armee, begann sich der Ort mit Flüchtlingen und endlosen Kolonnen der Deutschen Wehrmacht zu füllen. An ihnen vorbei fuhr ein verminderter Aufklärungszug des 261. Regimentes der 65. US-Division die Bundesstrasse 1 entlang nach Osten. Der Zug hatte den Auftrag, Kontakt mit der Roten Armee herzustellen. In den Mittagstunden erreichten sie Amstetten, wo sie auf dem Hauptplatz, zwischen den Soldaten der Wehrmacht, auf die Sowjets warteten. Dort wurden sie versehentlich das Ziel eines russischen Angriffes mit Jagdbombern, aufgrund dessen sie ihre Mission abbrachen.

Ihr Auftrag war schon hinfällig geworden. Südlich von Melk war bereits ein Aufklärungsflugzeug mit zwei Offizieren gelandet, die denselben Auftrag hatten: Verbindungsaufnahme mit der sowjetischen 7. Gardeluftlandedivision; jener Division, die entlang der Bundesstrasse Richtung Westen vorstiess. Am späten Nachmittag trafen ihre Spitzen in Strengberg mit amerikanischen Vorhuten des 261. Regimentes der 65. Division zusammen.

Am 8. Mai waren mehrere amerikanische Aufklärungselemente im heutigen Bezirk Amstetten unterwegs. Auch in Stadt Haag, Haidershofen, Kürnberg, St. Pantaleon, St. Peter/Au oder Stephanshart trafen US-Soldaten noch vor der Roten Armee ein. Behamberg bei Steyr war in der Früh noch in deutscher Hand und wurde dann von amerikanischen Soldaten besetzt, die zuvor noch in einem Feuergefecht einen deutschen Panzer abgeschossen hatten. Als die US-Soldaten wenig später wieder hinter die Enns zurückgingen, übernahmen deutsche Truppen noch einmal die Kontrolle im Ort. Erst kurz bevor die Rote Armee eintraf, verliessen sie Behamberg, um sich den amerikanischen Truppen, gegen die sie noch am Vormittag gekämpft hatten, zu ergeben.

Das letzte Gefecht zwischen Sowjets und Deutschen
"Die Truppenmassen, die unseren Raum durchfluteten, müssen bis um Mitternacht des 8. Mai die Enns passiert haben. Dass sich dieser Rückzug zu einer Flucht auf Leben und Tod verwandelte war verständlich. (...) Viele Soldaten, die bisher heil durchgekommen waren, fanden kurz vor dem Ende den Tod", erinnert sich ein Zeitzeuge. Einen Einblick in die Stimmung am letzten Tag des Krieges gibt die Situation in Göstling, etwa 20 km südöstlich von Waidhofen/Ybbs: "In den letzten Tagen vor dem Zusammenbruch waren die Strassen von zurückflutendem Militär belagert und verstopft. Am 8. Mai war nicht einmal ein Gehen auf der Strasse möglich. Erst in der Nacht (…) flaute allmählich der Rückzug der deutschen Truppen ab, und am 9. Mai herrschte eine unheimliche Stille". In den Morgenstunden des 9. Mai war es auch in Waidhofen/Ybbs still geworden. Um 0915 Uhr fuhr der erste sowjetischen Panzer in die Stadt. "Wir sind zu dritt am Strassenrand hinter einer Mauer gelegen. Um etwa 9 Uhr (…) sind die ersten Russen aufgetaucht. Sie sind von der Ybbsitzerstrasse (...) gekommen. (…) Dann sind wir heruntergegangen [nach Hause] und haben gesagt: ‚Sie sind da!’”. Die Masse der sowjetischen Streitmacht erreicht die Stadt ab etwa 1030 Uhr. Es waren berittene Kräfte, denen gepanzerte Fahrzeuge und Nachschubelemente folgten.

Die Stille in der Stadt währte nicht lange. Bei der Ortsausfahrt Richtung Weyer fielen Schüsse. Dort war die schwere Panzerabteilung 501 der 1. SS-Panzerdivision in Stellung gegangen. Sie hatte den Befehl, den Rückzug der Division gegen die Sowjets zu decken. "Gegen Mittag kamen die letzten Soldaten und Zivilisten (…) und berichteten uns, dass hinter ihnen bereits der Iwan [die Sowjets] mit Panzern und aufgesessener Infanterie Waidhofen erreicht habe". Die Soldaten der Abteilung stellten ihre Panzer auf die Strasse und die Wiese, sprengten sie und sperrten so die Bewegungslinie nach Weyer.

Als die Sowjetsoldaten die Strassenenge neben der Pfingstmannmauer erreichten, kam es zu dem Gefecht, das etwa zwei Stunden dauerte. Die Nachspitze der deutschen Truppen kämpfte gegen die sowjetische Soldaten, die erst kurz davor in der scheinbar friedlichen Stadt angekommen waren. "Ich war damals ein Kind und bin im Haus gesessen. Ich kann mich daran erinnern, dass an dem Tag geschossen wurde", erinnert sich ein Zeitzeuge. Was er und die restlichen Bewohner des Hauses neben der Pfingstmannmauer hörten, waren die letzten Schüsse des Zweiten Weltkrieges auf österreichischem Boden. Die Frist für das Überschreiten der Enns war abgelaufen und dennoch kämpften die Soldaten der Waffen-SS, um die Rote Armee auf Distanz zu halten. Ein Gespräch, das zwischen einem Offizier der US-Armee und einem Parlamentär der 1. SS-Panzerdivision, das am 8. Mai hinter der Frontlinie stattfand, erklärt warum.

Die vergessene Brücke
"Ich fragte ihn, mit der Karte in der Hand, wann die Brücken über die Enns gesperrt würden. Der Oberst fuhr mit seinem Zeigefinger über die Karte (…)". Bei der Brücke nördlich von Ternberg blieb der Finger des Offiziers der US-Armee stehen und er sah den deutschen Offizier starr an. "Ich deutete noch einmal auf die Brücke, um mich zu vergewissern (…), dass es die von Ternberg sei. Er sah mich wieder an. Ich hatte endgültig verstanden". Die Brücke bei Ternberg blieb einen Tag länger offen, als es das eigentliche Abkommen vorsah. Sie wurde "vergessen", damit sich die Soldaten der 1. SS-Panzerdivision auf diesem Weg in die US-Zone absetzen konnten. Diese Information dürfte auch die Marschroute der Division bestimmt haben. Die Brücke in Ternberg war aber nicht die einzige Möglichkeit, um noch nach dem Ablauf der Frist über die Enns zu gelangen. Auch bei Altenmarkt konnte die amerikanische Linie überschritten werden.

Am Morgen des 9. Mai ergaben sich auch die Soldaten der 3. SS-Panzerdivision, die bei Königswiesen und Grein kämpften, den amerikanischen Truppen. Hier nahm es die US-Armee jedoch genauer. Sie nahmen die Soldaten der Waffen-SS zwar gefangen, lieferten sie aber den Sowjets aus. Die Verteidigung in dem Raum nahm nicht nur den Soldaten dieser Division die Chance, in amerikanische Kriegsgefangenschaft zu gelangen. Auch allen anderen, östlich dieser Verteidigungslinie eingesetzten deutschen Truppen war der Weg dorthin versperrt.

Konrad Radner ging einen anderen Weg. Als am 9. Mai in Waidhofen/Ybbs die letzten Schüsse fielen, hatte er bereits die erste Nacht bei seiner Familie verbracht. Er war seit den Abendstunden des Vortages daheim. Nur wenige Kilometer, bevor er zu Hause ankam, traf er auf Soldaten der kurz zuvor eingetroffenen Roten Armee. Sie sahen ihn aus der Ferne und eröffneten das Feuer auf den ehemaligen Soldaten. Ein letztes Mal in diesem Krieg musste er sich vor gegnerischen Geschossen in den Strassengraben werfen und hoffen, zu überleben. Er hatte auch dieses Mal Glück. Die Soldaten der Roten Armee kümmerten sich nicht weiter um ihn und fuhren davon. Nur noch zwei Kilometer trennten ihn von seinem Geburtshaus. Eine halbe Stunde später war der Krieg für ihn vorbei.

Vogelscheuchen
Die letzte militärische Aktion der Heeresgruppe Ostmark führte den Grossverband in die amerikanische Kriegsgefangenschaft. Etwa 600'000 der insgesamt 800'000 Mann dieses Grossverbandes kamen in der US-Zone an. Die restlichen 200'000 Soldaten konnten sich auf unterschiedlichste Weise der Gefangenschaft entziehen, nur wenige gelangten in die Hände der Roten Armee.

"Die Soldaten warfen ihre Uniformen weg. Fast jeder hatte Zivilgewand im Gepäck. Wer nichts hatte, zog die Vogelscheuchen aus. Dementsprechend schäbig sahen viele der ehemaligen ‚Elitesoldaten’ dann aus. Auf der einen Seite des Hügels kamen sie als Soldaten an, auf der anderen Seite gingen sie als Zivilisten hinunter". Die Bauern, bei denen sich die Soldaten der Waffen-SS ihrer Uniformen und Ausrüstungsgegenstände entledigten, hatten Angst, dass die Rote Armee diese bei ihnen finden würde. "Mein Grossvater hat mehrere Schubkarren mit Uniformen und Waffen in einen Teich beim Haus geschüttet". Noch Jahre später wurden in verlassenen Hütten im Alpenvorland die Reste von deutschen Uniformen gefunden.

Die Sowjets behaupteten "praktisch keine Gefangenen gemacht zu haben. Sie forderten die Auslieferung aller Angehörigen der Heeresgruppe (…) und behaupteten, dass ihnen dies nach den Übergabebestimmungen zustünde". Die Amerikaner lehnten das grossteils ab. Gemäss dem Übergabeabkommen zwischen den Sowjets und des Westalliierten hätte sich jede Truppe in die Gefangenschaft jenes Gegners begeben müssen, gegen den sie zuletzt gekämpft hat.

Fazit
Das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa zwischen der Enns und St. Pölten zeigt die strategische Bedeutung dieses Raumes. Im Kalten Krieg zwischen den kommunistischen Staaten im Osten und den demokratischen im Westen erlangte er neuerlich eine besondere Rolle. Hier befindet sich die einzige leistungsfähige Ost-West-Verbindung zwischen den Alpen und dem böhmischen Massiv. Es ist kein Zufall, dass die österreichische Raumverteidigungsstrategie die Region um Amstetten als das Entscheidende Gelände beurteilte, um einen möglichen Angriff des Warschauer Paktes abzuwehren. Die Engstelle der einzigen leistungsstarken Verkehrsverbindung zwischen dem böhmischen Massiv und dem Südrand der Alpen hätte dort so lange wie möglich verteidigt werden sollen.

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06_196/Kriegsgerät am Bahnhof von Amstetten

Weitergekämpft bis fünf nach zwölf    
(Der Autor: Felix Römer, Jahrgang 1978, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut London.)

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06_197/Ein amerikanischer GI bewacht junge deutsche Wehrmachtssoldaten nach ihrer Gefangennahme durch die US-Armee

Der Krieg verloren, der Glaube an den "Führer" dahin: Warum wehrte sich Deutschland 1945 so blindwütig gegen eine unabwendbare Niederlage? Die Antwort muss man in der Wehrmacht selbst suchen.

An diesem Freitag vor 70 Jahren und fünf Tagen kam mein Grossvater um: In den frühen Morgenstunden des 3. Mai 1945 verblutete der 36 Jahre alte Obergefreite Erwin Römer in der Nähe einer kleinen bayerischen Ortschaft am Waginger See, die einen Tag später kampflos von der US-Armee besetzt wurde. Er war einer von mehr als 95 000 deutschen Soldaten, die noch in den letzten acht Tagen des Zweiten Weltkriegs den Tod fanden - ein Sinnbild für den irrwitzigen Kampf der Wehrmacht im Frühjahr 1945.

Bis heute scheint dies schwer verständlich zu sein: Warum verteidigten die Deutschen das untergehende NS-Regime noch so lange und nahmen dafür so viel Tod und Zerstörung in Kauf? Die historische Forschung sieht den entscheidenden Faktor nicht mehr in der NS-Ideologie, stützt aber auch kein neues Opfernarrativ.

Kein Staat wehrte sich jemals so blindwütig gegen eine unabwendbare Niederlage wie das NS-Regime im Frühjahr 1945. Der Krieg war längst entschieden, dennoch starben in keiner Phase so viele Soldaten wie in diesen letzten Monaten. Der Januar 1945 wurde mit 450 000 Toten zum verlustreichsten Monat des gesamten Zweiten Weltkriegs, und bis zu dessen Ende fiel eine weitere Million. Hinzu kam der Tod aus der Luft, der seit September 1944 neue Dimensionen annahm: In den letzten acht Monaten fielen etwa drei Viertel aller Bomben des ganzen Krieges.

Die Endphase des Krieges liess für die Deutschen alles andere verblassen
Ausser immer grösseren Verwüstungen erlebten die Deutschen den Terror des NS-Regimes, Hunger und Not, Flucht und Vertreibung. Die letzten Kriegsmonate waren eine solch einschneidende Erfahrung, dass in der Erinnerung der Deutschen nach 1945 zunächst alles andere verblasste - einschliesslich der Gewalt, die zuvor von ihnen selbst ausgegangen war. Die überragende Rolle der Endphase im Gedächtnis der Nachkriegszeit sprach noch aus Richard von Weizsäckers wegweisender Rede von 1985.

Die Katastrophe war absehbar, denn die Ausgangslage zum Jahresbeginn 1945 war hoffnungslos. Die Wehrmacht war nur noch auf dem Papier stark. An Truppen, Waffen und Material waren ihr die Gegner um ein Vielfaches überlegen. In Ostpreussen standen die deutschen Einheiten teilweise einer zwanzigfachen Übermacht der Roten Armee gegenüber. Gleichzeitig kompensierte die Wehrmacht ihre Verluste mit hastig aufgestellten Verbänden aus überwiegend unerfahrenen und schlecht ausgebildeten Rekruten. Für eine moderne Kriegführung fehlten fast alle Voraussetzungen: Die alliierte Luftoffensive gegen die deutsche Treibstoffproduktion legte seit Frühjahr 1944 nicht nur die Luftwaffe, sondern zunehmend auch das Heer lahm. Seit Frühsommer 1944 besassen die Alliierten die absolute Luftüberlegenheit.

An der Ostfront kämpften Wehrmacht, SS und Volkssturm deutlich aufopferungsvoller als im Westen. Nur ein Beispiel: Bei der Auflösung des Ruhrkessels im April 1945 etwa ergaben sich die meisten der mehr als 300'000 eingeschlossenen Wehrmachtssoldaten der US-Armee. Fast um dieselbe Zeit lieferten sich die bei Halbe südlich von Berlin eingekesselten Truppen erbitterte Kämpfe mit der Roten Armee - bei den verzweifelten Ausbruchsversuchen kamen wohl 60 000 von ihnen ums Leben.

Nicht alle Soldaten marschierten wie Lemminge in den Untergang
Der andere Kriegsstil war letztlich eine Folge der deutschen Vernichtungspolitik in der Sowjetunion und der wechselseitigen Eskalation der Gewalt zwischen Wehrmacht und Roter Armee seit 1941 - hierbei spielten auch ideologisierte Feindbilder eine Rolle, die von der NS-Propaganda geschürt wurden. Insbesondere an der Ostfront glaubten die Soldaten, das Vaterland verteidigen zu müssen, auch wenn sie es dabei zerstörten.

Bis fünf nach zwölf kämpfte die Wehrmacht indes nur stellenweise: Der Widerstand war am Anfang vom Ende besonders stark und liess dann tendenziell nach. Im Vorfeld des Rheins und am Westwall war der Widerstand der deutschen Truppen noch deutlich zäher als nach der alliierten Rheinüberquerung im März. Als die Westalliierten anschliessend durch die aufgerissene Front vorstiessen, leisteten viele Soldaten nur noch scheinbar Widerstand - eine reelle Alternative zur Desertion, die massenhaft genutzt wurde. Dasselbe Muster zeigte sich jetzt sogar an der Ostfront. Nicht alle Soldaten marschierten also wie Lemminge in den Untergang.

Gleichwohl: Auch nach dem Rheinübergang kam es vielerorts zu heftigen Gefechten. Die zusammengewürfelten Truppen der 19. Armee leisten während der ersten drei Aprilwochen so ernsthaften Widerstand, dass viele Ortschaften in Baden dabei dem Erdboden gleichgemacht wurden. Das Verhalten der Truppen wurde immer uneinheitlicher: Manche Einheiten kapitulierten schnell, während andere unter hohen Verlusten verbissen weiterkämpften. Entscheidend waren die Verhältnisse vor Ort - der Zustand, die Ausrüstung, die Zusammensetzung und nicht zuletzt das Führungspersonal der Einheiten.

Niemand fiel Hitler in den Arm
Dass überhaupt noch gekämpft wurde, lag in erster Linie an Hitler und den NS-Führungseliten. Wie der britische Historiker Ian Kershaw dargelegt hat, bedingten die zersplitterten Machtstrukturen des NS-Staates, dass niemand Hitler in den Arm fiel. Anders als im faschistischen Italien gab es keine Instanzen, die den Willen des "Führers" infrage stellen konnten. Zudem war das Dritte Reich fester denn je im Griff der NSDAP und der SS. Die Gauleiter beherrschten ihre Provinzen so machtvoll wie nie - mit dem militärisch wertlosen "Volkssturm" bekamen sie hierfür noch ein zusätzliches Kontrollinstrument in die Hand. Obwohl die NSDAP immer verhasster wurde, war die Bevölkerung immer stärker auf den Parteiapparat angewiesen, je mehr Verwüstung, Not und Apathie um sich griffen.

Besonders grossen Anteil an der Katastrophe hatte allerdings die Militärführung. Hitlers Choreografie des Untergangs wäre ein Hirngespinst geblieben, wenn seine Generäle ihm nicht bis zuletzt Gehorsam geleistet hätten.

Die vom Historiker Sönke Neitzel entdeckten Gespräche unter den Generälen in alliierter Gefangenschaft zeigen zwar, dass sie tief gespalten waren. Das änderte aber nichts daran, dass die meisten von ihnen die absurde Kriegführung an der Front weiter mittrugen. Mit ihren Kriegsgerichten und Feldgendarmen trugen sie ausserdem massgeblich zum Durchhalte-Terror bei. Die professionelle Deformation der Generalität im Nationalsozialismus offenbarte sich jetzt in horrender Verantwortungslosigkeit gegenüber den eigenen Soldaten. Das NS-Regime brach nur deshalb nicht früher zusammen, weil die Generäle es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, Befehlen zuwiderzuhandeln - obwohl sie vom NS-Terror selbst kaum betroffen waren. Nach 1945 schoben sie alle Verantwortung auf Hitler und erreichten durch viele Verdrehungen, dass sie von ihren Zeitgenossen in der Bundesrepublik weiter als Ehrenmänner angesehen wurden.

Die Soldaten kämpften weiter, weil sie es gewohnt waren
Auf den unteren Ebenen hielt der Terror die Truppen bei der Stange. Seit Februar und März 1945 wurde er immer drakonischer. Wohl bis zu zehntausend Wehrmachtssoldaten wurden in der Endphase von den Standgerichten exekutiert - jeder wusste, dass Fahnenflucht lebensgefährlich war. Dies trug wesentlich dazu bei, dass es kein neues 1918 gab: Die Wehrmachtsführung registrierte, dass die Moral zwar schwand, die Soldaten aber weiter mitzogen.

Der Terror erklärt jedoch nicht alles. In den abgehörten Gesprächen unter den Wehrmachtssoldaten in alliierter Gefangenschaft kam er auffallend selten vor. Und viele Einheiten bewiesen an der Front noch deutlich mehr Einsatzbereitschaft, als zur Wahrung des Scheins notwendig war. Die meisten Soldaten kämpften jedoch nicht mehr aus ideologischem Fanatismus: Die wenigsten glaubten jetzt noch an einen deutschen Sieg. Die letzten Hoffnungen zerschlugen sich im Januar und Februar. Auf die Parolen vom "Endsieg" und den "V-Waffen" hörte im Frühjahr 1945 nur noch eine kleine Minderheit. Dasselbe galt für den Hitlermythos: Noch 1944 hielt die Mehrheit in der Wehrmacht weiterhin zu Hitler, doch nach dem Jahreswechsel war der Glaube an den "Führer" dahin. Die Soldaten kämpften auch ohne Überzeugungen weiter - schon deshalb, weil sie es gewohnt waren.

Einfach weiterzumachen war naheliegend, zumal der Gruppendruck in der Wehrmacht nicht aufhörte, als sich Sozialgefüge und Kameradschaft Anfang 1945 auflösten. Die Soldaten setzten sich jedoch auch aus eigenem Antrieb ein. Entscheidend war, wie unzählige Selbstzeugnisse belegen, die starke Identifikation mit den geltenden Soldatentugenden, mit Pflichterfüllung, Tapferkeit und Härte. Auch der spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt führte seine Wehrmachtseinheit im Februar 1945 mit grosser Hingabe.

Pervertierte Wertevorstellungen liessen viele durchhalten
Noch in den Kriegsgefangenenlagern schwärmten Männer von ihren Waffentaten und Orden und rechtfertigten sich für ihre Gefangennahme, während Deserteure als Feiglinge verachtet wurden. Es bedurfte daher an vielen Stellen gar keiner NSDAP-Funktionäre, damit Ortschaften noch verteidigt wurden - dazu drängten die Offiziere meist schon von sich aus.

Bis zuletzt verfügten die NS-Streitkräfte über ein Korsett von motivierten Offizieren und Unteroffizieren, unter ihnen nicht wenige politische Soldaten. Diese Männer bildeten das Rückgrat der Wehrmacht - häufig lag es an diesen abgebrühten Kämpfern, wenn die kriegsmüden Truppen nicht aufgaben. Für die eingefleischten Soldaten, die in der Wehrmacht das Sagen hatten, war das Kämpfen längst eine Selbstverständlichkeit - sodass auch nicht alle wie traumatisierte Gespenster aus dem Krieg zurückkehrten, so wie es der Film "Unsere Mütter, unsere Väter" zeigt.

Der sinnlose Kampf der Wehrmacht im Frühjahr 1945 war ihr nicht bloss aufgezwungen, sondern speiste sich auch aus ihr selbst. Dies lag jedoch weder an reiner NS-Ideologie noch an purem Professionalismus. Massgeblich war etwas dazwischen - die militärischen Wertvorstellungen, denen die Nationalsozialisten seit 1933 höhere Geltung denn je verschafft hatten. Unzählige Soldaten lebten diese ideologisch angehauchten Werte, ohne unbedingt ideologische Fanatiker zu sein. Für das Geschehen von 1945 war das entscheidender als die Kontrastierung von Opfern und Tätern, um welche die heutige Erinnerungskultur weiter kreist.

Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg    
(aus Wikipedia)

Beginn und Ende
Der Zweite Weltkrieg begann in Europa mit einem fingierten, angeblich polnischen Überfall auf den Sender Gleiwitz am Abend des 31. August 1939. Die deutsche Bevölkerung wurde am nächsten Tag stündlich durch Rundfunksondermeldungen unterrichtet, dass der Führer Adolf Hitler daher der Wehrmacht befohlen habe, in Polen einzumarschieren. Seit 5:45 Uhr werde "jetzt zurückgeschossen!".

So, wie der Zweite Weltkrieg mit einer Lüge im Rundfunk begonnen hatte, so wurden bis zum Schluss des Krieges über den deutschen Rundfunk Unwahrheiten verbreitet. Am 1. Mai 1945, abends, gab der Rundfunksprecher des Hamburger Reichssenders bekannt, dass der Führer Adolf Hitler in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend für Deutschland gefallen sei. In Wahrheit entkam Hitler seiner möglichen Gefangennahme, indem er Selbstmord beging. Im Anschluss an diese Lüge wurde eine Rede von Dönitz gesendet, in welcher dieser wahrheitswidrig sagte, der Tod habe den Führer "an der Spitze seiner Truppen" ereilt.

Sender
Pünktlich zu Kriegsbeginn wurde mit der Verordnung über ausserordentliche Rundfunkmassnahmen das Abhören ausländischer Sender verboten. Die einzelnen Reichssender waren bereits am 1. Januar 1939 zum Grossdeutschen Rundfunk vereinigt worden und strahlten ab Juni 1940 nur noch zwei Vollprogramme aus. Marschmusik statt Tanzmusik und ständige Lageberichte von der Kriegsfront dominierten. Es begann das Wunschkonzert für die Wehrmacht – die Brücke zwischen Heimat und Front. U. a. sollten Marlene Dietrich und Hans Albers den Soldaten Mut und Kraft zum Weiterkämpfen geben.

Nach Kriegsbeginn ging der Goebbels-Vertraute und neu ernannte Leiter der Rundfunkabteilung des Propagandaministeriums, Alfred-Ingemar Berndt, daran, die Rundfunklandschaft den Erfordernissen der Kriegsführung anzupassen. Ein Grossteil des journalistischen und technischen Personals wurde in die Propagandakompanien der Wehrmacht eingezogen, die Sendepläne wurden ausgedünnt. Etwa ab Mitternacht bis zum Sendebeginn um 5.00 oder 6.00 Uhr morgens war eine Sendepause. Diese wurde durch das Programm des Deutschlandsenders ausgefüllt, der mittags um 12.30 Uhr mit seinen Sendungen begann, die nach den Frühnachrichten endeten.

Ende 1942 gab es bereits 16 Millionen deutsche Rundfunkteilnehmer. Zur gleichen Zeit zeigte sich die oft lebenswichtige Aktualität des Mediums Rundfunk: Die ersten Meldungen über angreifende Bomberverbände scheuchten die Menschen in die Luftschutzkeller. Das Radio brachte im Dauerbetrieb Luftlage- und Kriegsberichte.

Im Zweiten Weltkrieg war die BBC (mit 11.500 Mitarbeitern in London) neben Radio Beromünster (siehe unten) eine wichtige ausländische Informationsquelle für Millionen Radiohörer in Europa. Die BBC konnte über den leistungsstarken Sender Droitwich bis weit nach Mitteleuropa auf der Mittel- und Langwelle gehört werden. In Deutschland und den besetzten Ländern bedrohte die Verordnung über ausserordentliche Rundfunkmassnahmen das Hören sogenannter Feindsender mit schweren Strafen.

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06_198/Zwei Todesurteile für den Umbau von Radioempfängern; 28. Januar 1944

Bereits eine Woche nach Kriegsbeginn wandte sich Jan Masaryk über die BBC an seine Landsleute in der Heimat. Damit begann die BBC ein tägliches 15-minütiges Programm auf Tschechisch auszustrahlen, dessen Mithören vom deutschen Besatzungsregime unter Androhung der Todesstrafe verboten war.

Dagegen war in Grossbritannien das Hören deutscher Sender erlaubt. Während des Krieges nahm die Anzahl der Propagandasendungen in allen beteiligten Ländern zu. Auf deutscher Seite wurden britische und amerikanische Immigranten, die mit der NS-Politik sympathisierten, engagiert, um Briten auf Englisch anzusprechen. Eine Moderatorin war "Axis Sally", deren Sendungen vom Grossdeutschen Rundfunk ausgestrahlt wurden. Goebbels lancierte ausserdem den Auslandsrundfunksender "Germany Calling" in Norddeich, dessen Moderatoren, vor allem der irisch-US-amerikanische Nationalsozialist William Joyce sowie Wolf Mittler und Norman Baillie-Stewart unter dem Spitznamen "Lord Haw-Haw" bekannt wurden. Der US-amerikanische Rundfunkjournalist Edward R. Murrow kreierte 1940 eine neue Sendeform, indem er in Livereportagen für die CBS direkt aus dem von der Luftwaffe bombardierten London berichtete. Seine Sendungen "This is London" fesselten Millionen Zuhörer in den USA an die Radiogeräte und trugen dazu bei, die isolationistische Stimmung in den USA zurückzudrängen. Von März 1941 bis zum Kriegsende wurde Thomas Manns monatliche Radiosendung Deutsche Hörer! von der BBC über Langwelle auch in das deutsche Reichsgebiet ausgestrahlt. Etwa 25 % deutsche Hörer hörten heimlich zu. Hitler selbst beschimpfte in einer Rede im Münchner Hofbräuhaus den Autor als jemanden, der das deutsche Volk gegen ihn und sein System aufzuwiegeln versuche. Das vom deutschen Soldatensender Belgrad seit August 1941 ausgestrahlte Lied "Lili Marleen" wurde jeden Abend von Millionen Soldaten in ganz Europa und Nordafrika, und ab Januar 1942 auch von alliierten Soldaten in einer englischen Fassung, gehört, bis es im April 1942 von Joseph Goebbels verboten wurde, weil dieser von Lale Andersens Kontakten zu Schweizer Juden erfahren hatte. Im Mai 1942 sendete BBC erstmals glaubwürdige Berichte über die Ermordung polnischer Juden. Generalfeldmarschall Paulus sprach nach der Niederlage von Stalingrad über Radio Moskau zu deutschen Hörern. Auf dem U-Boot U 96, auf dem Lothar-Günther Buchheim Ende 1941 als Kriegsberichterstatter eine Feindfahrt mitmachte, wurden regelmässig britische, US-amerikanische oder russische "Feindsender" abgehört.

Auch Störsender wurden eingesetzt, um unerwünschte "Feindpropaganda" zu verunmöglichen oder eigene Propaganda im Programm eines Feindsenders zu platzieren, wie zum Beispiel in Hitlers letzter Silvesteransprache.

Relevanz

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06_199/Abhörverbote

Die Sendungen der BBC, der "Stimme Amerikas", des NFD, von Radio Moskau, Radio Vatikan und dem Schweizer Sender Beromünster führten zwar dazu, dass 16 Millionen deutsche Haushalte, die (1943) Rundfunkgebühren zahlten, hinreichend über die zunehmend hoffnungslose militärische und politische Lage Deutschlands informiert sein konnten. Keinem Sender gelang es, eine mehrheitlich kritische Meinung gegenüber dem Regime in Deutschland herbeizuführen. Wie viele Deutsche heimlich BBC, die umfangreichste ausländische Informationsquelle, hörten, lässt sich nicht sagen. Schätzungen schwanken zwischen einer und zehn Millionen Hörern. In Berlin lag die Quote der BBC bei den verurteilten Rundfunkverbrechern bei 64 %. In Süddeutschland hatten 61% der Verurteilten den Sender Beromünster gehört. Die absoluten Zahlen der Rundfunkverbrechen waren eher gering.

Sofern jemand sein dadurch erworbenes Wissen nicht weitererzählt hatte, wurde das "Verbrechen" von der Kripo häufig wie ein Kavaliersdelikt behandelt und mit der Beschlagnahme des Volksempfängers geahndet. Andernfalls konnte es geschehen, dass der Hörer von der Kripo als "Hauptübeltäter dieser Zersetzung" festgenommen wurde und die Staatsanwaltschaft den Vorgang dem Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof in Berlin vorlegte. Weil das Hören von sogenannten Feindsendern streng verboten war, gab fast niemand, der aus dem Radio Bescheid wusste, sein Wissen an andere weiter – wenn doch, konnte ihm sogar "in besonders schweren Fällen" die Todesstrafe drohen. Zum Beispiel hörten drei sogenannte "Vierergruppen" 1941 gezielt feindliche Sender ab, verbreiteten deren Informationen und wurden deswegen vom Volksgerichtshof verurteilt.

Die wöchentlichen, jeden Freitagabend ausgestrahlten Berichte in der "Weltchronik" von Jean Rudolf von Salis über den Schweizer Sender Beromünster galten Millionen von Hörern in Mitteleuropa als objektive Beurteilung der politischen und militärischen Lage in Europa. Allerdings urteilte er schwer nachvollziehbar milde über das Dritte Reich, erwähnte die Ermordung der Juden nur am Rande und kommentierte sie schon gar nicht. Die Weltchronik war keineswegs der "beherzte Akt des Widerstands", als die sie später gerne hingestellt wurde. Sicher ist aber, dass es dem Nazi-Regime nicht gelungen ist, seine Sicht der Dinge vollständig durchzusetzen. In Frankreich wurde Charles de Gaulle, von der Vichy-Propaganda als Le Général micro verspottet, eine wichtige Stimme für viele französische Radiohörer.

Der britische Soldatensender Calais (Leiter: Sefton Delmer) war so gut aufgestellt, dass er über einen langen Zeitraum von der deutschen Bevölkerung für einen Wehrmachtssender gehalten wurde. Die fast perfekte Tarnung gelang, indem bei den Deutschen beliebte Musik, Sportergebnisse und Berichte über Ereignisse in Deutschland gesendet wurden. Gelegentlich wurden aber auch moralzersetzende Informationen eingestreut. Beispielsweise wurde das geflügelte Wort "Wenn das der Führer wüsste", in Deutschland spätestens seit 1938 bekannt, in dessen Sendungen so geschickt verwendet, dass die geschilderten Missstände glaubhaft erschienen. Hitler wurde nie persönlich angegriffen, immer nur Leute aus seiner Umgebung. Beliebt war auch Frau Wernicke, die in den Sendungen der BBC eine Berliner Kleinbürgerin darstellte, die sich mit ihrem einfachen Gemüt, lockeren Tonfall und gesunden Menschenverstand scharfzüngig über die Nazis lustig machte.

Als nach der Niederlage in Stalingrad die BBC die Nachricht verbreitet hatte, dass Moskau die Gefangennahme von 91.000 deutschen Soldaten gemeldet hatte, war der Schock über diese Niederlage unbeschreiblich. Danach glaubten fast nur noch fanatische Nationalsozialisten, dass der Krieg gewonnen werden könne. Ausserdem hatte Joseph Goebbels vorher den heroischen Heldentod aller deutschen Soldaten in Stalingrad verkündet und war so öffentlich als Lügner entlarvt worden. Bei Kriegsende berichtete Edward Murrow (siehe oben) in für viele Zuhörer ungewohnt schonungsloser Weise von der Befreiung des KZ Buchenwald: Er beschrieb den Zustand der Überlebenden und die Leichenberge, "aufgestapelt wie Holzscheite".

Die deutschen Wehrmachtberichte als Sonderform der Propaganda
Den täglichen Ankündigungen "Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt" folgte vom ersten Tag des Polenfeldzuges bis zur bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht eine Zusammenfassung der Kampfhandlungen. Diese Wehrmachtberichte wurden von der Abteilung für Wehrmachtpropaganda im Wehrmachtführungsstab des OKW herausgegeben und im Grossdeutschen Rundfunk um die Mittagszeit vor den folgenden Nachrichten ausgestrahlt. Hinzu kamen im Radio mit Fanfarenstössen eingeleitete Sondermeldungen über herausragende Erfolge mit zusätzlichen Erwähnungen von Truppenteilen oder Einzelpersonen, die sich besonders ausgezeichnet hatten. Auch Aktionen der feindlichen Streitkräfte, beispielsweise Luftangriffe der Alliierten auf Kriegsziele und Städte im Reichsgebiet, wurden genannt. Die Wehrmachtberichte besassen amtlichen Charakter und waren massgebliche Quelle für die Kommentierung des Kriegsgeschehens in den Medien. Die 2080 gesendeten Wehrmachtberichte waren ein Gemisch aus nüchternem Militär-Rapport und politischer Propaganda und gelten Historikern als ebenso wertvolle wie fragwürdige Sekundärquelle. Berichtet wurde in knapper Form; ausführlicher, konkreter und teilweise übertrieben, wenn Erfolge zu vermelden waren; kürzer, abstrakter und verklausuliert, wenn es um Rückschläge und eigene Verluste ging. Sie vermieden weitgehend direkte Falschmeldungen, operierten mit Auslassungen und Zutaten, mit tendenziösen Hervorhebungen und Verharmlosungen sowie mit Beschönigungen, Verzögerungen und Verschleierungen.

Radio Londres
Radio Londres war ein französischsprachiger Hörfunksender der BBC, der von 1940 bis 1944 auf Sendung war und dessen Inhalte von den Forces françaises libres gestaltet wurden.

Gesendet wurden der "Appell des 18. Juni" von Charles de Gaulle und weitere Aufrufe zum Widerstand gegen die deutsche Besatzung, satirische Beiträge von Pierre Dac, Maurice Schumann und anderen sowie codierte Nachrichten an die Résistance in Frankreich. 1944 wurde mit dem Gedicht Chanson d’automne (Herbstlied) von Paul Verlaine die unmittelbar bevorstehende Landung der Alliierten in der Normandie angekündigt.

Radio Tokyo
Im Krieg in Ostasien setzten auch die Japaner ab 1943 verstärkt auf Rundfunkpropaganda gegen die Amerikaner, indem sie über Radio Tokyo die Sendung "The Zero Hour" ausstrahlten. Für die überwiegend weiblichen Moderatoren, die Amerikanisch mit einem japanischen Akzent sprachen, bürgerte sich im GI-Sprachgebrauch der Begriff Tokyo Rose ein.

Alltagsleben in Deutschland im 2. Weltkrieg    
(aus LeMO, Lebendiges Museum)

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges veränderte sich das Leben der Zivilbevölkerung entgegen weitgehenden Befürchtungen zunächst nicht grundlegend. Das NS-Regime scheute sich, der Bevölkerung allzu große Opfer abzuverlangen, und es bemühte sich auch durch Aufrechterhaltung eines ausgedehnten Kulturbetriebs um Alltagsnormalität. Nahezu jede deutsche Familie hatte im Verlauf des Krieges einen Sohn, Bruder, Vater, Ehemann oder Verlobten an der Front. Eine auch unter moralischen Aspekten ständig propagierte "Heimatfront" sollte Verbundenheit, Zuversicht und vor allem Treue der deutschen Bevölkerung - besonders auch der weiblichen - gegenüber den Frontsoldaten dokumentieren, von deren Kriegsalltag sie zumeist in Feldpostbriefen und während des Heimaturlaubs erfuhren. Galt die alltägliche Sorge der Deutschen zunächst nur dem Leben des Familienmitgliedes an der Front, so wurde der Tod durch Ausweitung der alliierten Luftangriffe ab 1942 auch für die Großstadtbewohner zu einem ständigen Begleiter.

Lebensmittelrationierung
Von einer Kriegsbegeisterung konnte nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 in Deutschland keine Rede sein. Zu frisch war die traumatische Erinnerung an den Ersten Weltkrieg ein Vierteljahrhundert zuvor mitsamt seinen katastrophalen Folgen. Die miserable Lebensmittelversorgung und die Hungerjahre 1916 bis 1919 waren im Bewusstsein vieler Erwachsener vor allem in den Städten noch zu präsent. Ähnlich bedrückt war die Stimmung auf dem Land, wo der Entzug von Arbeitskräften und Pferden Probleme aufwarf. Das NS-Regime war sich der mangelnden Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung bewusst, und es hatte aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges frühzeitig seine Lehren gezogen: Seit 1937 war die Rationierung von Lebensmitteln, Treibstoff, Kohle und anderen Versorgungsgütern im Reichsverteidigungsrat minutiös vorbereitet worden. Durch gute Ernten 1938 und 1939 waren die Vorratslager zudem reichhaltig gefüllt. Bei Getreide, Kartoffeln, Zucker und Fleisch war ein Selbstversorgungsgrad von 100 Prozent erreicht worden.

Stufenweise wurde bei Kriegsbeginn die Zwangsrationierung eingeführt. Fett, Fleisch, Butter, Milch, Käse, Zucker und Marmelade waren ab dem 1. September 1939 nur noch gegen Lebensmittelkarten erhältlich; Brot und Eier folgten ab dem 25. September. Mitte Oktober 1939 wurde für die nicht Uniform tragende Bevölkerung die Rationierung von Textilien mittels einer ein Jahr gültigen "Reichskleiderkarte" eingeführt. Der Bezugsschein bestand aus 100 Punkten, die beim Kauf von Textilien abgerechnet wurden. Ein Paar Strümpfe "kostete" 4 Punkte, ein Pullover 25 Punkte, ein Damenkostüm 45 Punkte.

Trotz der von den Nationalsozialisten propagierten agrarischen "Erzeugungsschlacht" verlagerte sich der Ernährungsschwerpunkt während des Krieges auf Kartoffeln, Hülsenfrüchte, Mehl und Zucker. Muckefuck, ein dünner Ersatzkaffee aus Gerste oder Eicheln, ersetzte zumeist den Bohnenkaffee. Ersatzkuchen wurden aus Mohrrüben oder Kartoffeln gebacken, die Ersatzmarmelade wurde aus Steckrüben hergestellt. Brot war nahezu im vorherigen Umfang erhältlich, wenn auch mit abnehmender Qualität. Ein "Normalverbraucher" erhielt in den ersten beiden Kriegsjahren pro Woche u.a. 2.250 Gramm Brot, 500 Gramm Fleisch und rund 270 Gramm Fett. Schwerarbeiter erhielten im Bezugssystem ebenso Sonderzulagen wie werdende Mütter oder Kinder. Nur sie kamen in den Genuss von Vollmilch, die übrigen Verbraucher erhielten Magermilch. Trotz Nahrungsmittelentbehrungen und eines kritischen Versorgungsjahres 1942 mit einer verschärften Rationierung und einem allmählich einsetzenden Mangel an Fett gab es im Deutschen Reich während des Kriegs keine ernsthaften Ernährungsprobleme. Zur Versorgung der deutschen Bevölkerung wurden die besetzten Gebiete rücksichtslos ausgebeutet und der "Tod durch Verhungern" in Osteuropa gezielt herbeigeführt.

Juden hingegen erfuhren auch im Bezugssystem von Nahrungsmitteln und Textilien starke Diskriminierungen und öffentliche Demütigungen; gegenüber der nichtjüdischen Bevölkerung erhielten Juden für ihre Lebensmittelkarten in den für sie bestimmten Läden deutlich weniger Kalorien zugeteilt. Verfolgung und Entrechtung von Juden hatten mit Kriegsbeginn in Deutschland an Schärfe deutlich zugenommen. Eine medizinische Versorgung existierte für Juden nur noch in Ansätzen. Schrittweise verboten wurde ihnen der Besitz von Radio- und Telefongeräten, Kraftwagen oder das Halten von Haustieren. Um sich als jüdischer "Reichsfeind" öffentlich zu erkennen zu geben, musste ab dem 19. September 1941 jeder Jude ab dem sechsten Lebensjahr einen gelben Stern deutlich sichtbar auf der Kleidung tragen.

Einsatz an der "Heimatfront"
Aus Sorge vor sozialen Unruhen und sinkender Kriegsmoral sollten den "arischen" Deutschen hingegen bewusst nur mäßige Opfer abverlangt und so lange wie möglich eine "Normalität" des Alltagslebens aufrecht erhalten werden. Zur Befriedigung materieller Bedürfnisse wurde die Produktion der Konsumgüterindustrie kaum gedrosselt. Die vorbereitete wirtschaftliche Mobilmachung und generelle weibliche Dienstverpflichtungen unterblieben in den ersten Kriegsjahren. Das Arbeitspotential der Frauen blieb im Gegensatz zu Großbritannien und den USA relativ ungenutzt. Mit 14,9 Millionen erwerbstätigen Frauen im September 1944 wurde der Vorkriegsstand vom Sommer 1939 nur um 300.000 Frauen übertroffen. Der Arbeitskräftebedarf deckte sich vor allem durch allgegenwärtige Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene, jedoch auch durch Umschichtungen weiblicher Arbeiterinnen von stillgelegten oder kriegsunwichtigen Betrieben in die Land- und Kriegswirtschaft sowie junger Berufsanfängerinnen in den Verwaltungssektor. Für weibliche Jugendliche ab 18 Jahren wurde 1939 der sechsmonatige Reichsarbeitsdienst (RAD) verpflichtend. Ab August 1941 verlängerte sich der RAD um ein halbes Jahr "Kriegshilfsdienst" im Luftschutz, in sozialen Einrichtungen, Krankenhäusern, kinderreichen Familien oder Verkehrsbetrieben. "Auf allen Lebensgebieten, wo es an Männern fehlt, hat die Frau den Mann zu vertreten", wie es offiziell hieß und propagandistisch dokumentiert wurde. Im öffentlichen Dienst beschäftigte Frauen waren dabei ab Oktober 1939 ihren männlichen Kollegen im Lohnniveau ebenso gleichgestellt wie Akkordarbeiterinnen in den Rüstungsbetrieben ab 1940. Höhere Löhne, verbesserte Arbeiter- und Mutterschutzgesetze oder massive staatliche Wohlfahrtsleistungen sollten die Stabilität der "Heimatfront" trotz stufenweiser Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit von 48 auf 50 oder mehr Stunden und verschlechterter Lebensbedingungen aufrechterhalten.

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06_200/Propaganda

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06_201/Und Wirklichkeit

Im Zweiten Weltkrieg verstärkte sich der Zugriff auf die Jugendlichen, deren Alltag immer weniger von der Schule an sich bestimmt wurde. Alljährlich wurden Kinder und Jugendliche während des Krieges klassenweise zum Ernteeinsatz verpflichtet. Zu ihrem Alltag gehörten nunmehr auch das Auflesen von Kartoffelkäfern oder von den von alliierten Flugzeugen abgeworfenen Brandplättchen sowie Verladedienste und die Verteilung von nationalsozialistischem Propagandamaterial. Vielfältigen Sammelaktionen waren über die Schulen oder die Hitler-Jugend (HJ) organisiert. Sie sollten die Opferbereitschaft der Deutschen und den Geist einer solidarischen "Volksgemeinschaft" beschwören. Alltägliche Erscheinungen im Straßenbild waren die Sammlungen für das Kriegswinterhilfswerk oder die "Schulaltstoffsammlungen", bei denen die Angehörigen der HJ Altpapier, Spinnstoffe oder Metalle sammelte. Ab April 1940 riefen die Behörden regelmäßig zur "Metallspende" für die Rüstungsbetriebe auf. Erfrierungen von Wehrmachtssoldaten an der Ostfront führten ab dem Winter 1941/42 zu Sammelaktionen von Winterbekleidung und Decken. Nicht jeder Deutsche gab seinen Mantel oder einen teuren Pelz dabei bereitwillig her.

Ablenkung vom Kriegsalltag
Radio hören und Lesen gehörten zu den beliebtesten Freizeitbeschäftigungen von Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen. Eine Flut von kriegsverherrlichender Literatur erstreckte sich für sie in den Buchhandlungen. Über die Volksempfänger hörten die Deutschen neben den einseitigen Siegesmeldungen der Wehrmachtsberichte bekannte Schlager wie "Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern" und vor allem "Lili Marleen", das wie kein zweites Lied Emotionen weckte und in den Wunschkonzerten gespielt wurde. Der Unterhaltungsfilm "Wunschkonzert" wurde zu einem der erfolgreichsten Filme der NS-Zeit. Im Mittelpunkt des Films stand die äußerst populäre Radiosendung "Wunschkonzert für die Wehrmacht", das die Verbindung zwischen Heimat und Front aufrechterhalten sollte und in der Grüße und Musikwünsche ausgetauscht oder Geburten den fernen Vätern bekanntgegeben wurden. Jeden Sonntag wurde das "Wunschkonzert" von rund der Hälfte der deutschen Bevölkerung verfolgt.

Obwohl vollbesetzte Stadien geradezu ideale Ziele alliierter Bomber gewesen wären, gingen wöchentlich hunderttausende Menschen auf der Suche nach Freizeitvergnügen und Zerstreuung zu Fußballspielen, auch wenn diese wegen der Gefahr von Luftangriffen häufig verlegt und recht kurzfristig angesetzt wurden. Zu Zwecken der Propaganda diente der Fußball allerdings wenig, wie Propagandaminister Joseph Goebbels nach einer 2:3 Niederlage der deutschen Nationalmannschaft gegen Schweden im Berliner Olympiastadion am 20. September 1942 in seinem Tagebuch festhielt: Da 100.000 Zuschauer, denen das Spiel "mehr am Herzen lag als die Einnahme irgendeiner Stadt im Osten", das Stadion deprimiert verließen, "müßte man für die Stimmung im Inneren eine derartige Veranstaltung ablehnen".

Stattdessen sollten beliebte Filmstars der Zeit wie Hans Albers, Heinz Rühmann, Willy Birgel, Hans Moser oder Marika Rökk die Menschen von ihren Alltagssorgen ablenken. Schauspielerinnen wie Zarah Leander, Kristina Söderbaum, Anna Dammann (1912-1993) und vor allem Ilse Werner - die "Traumfrau" in der ersten Hälfte der 40er Jahre - genossen Vorbildcharakter, denen viele Frauen trotz Rationierung von Textilien und Mangel an Kosmetikartikeln im Aussehen nachzueifern trachteten. Im ersten Kriegsjahr - in der Saison 1939/40 - wurde im Deutschen Reich erstmals die Grenze von einer Milliarde Kinobesucher überschritten. In den Kinos liefen zumeist bewusst unpolitische Unterhaltungsfilme, viele Publikumserfolge wie "...reitet für Deutschland" (1941) transportierten jedoch unterschwellig auch eine eindeutig politische Botschaft. Klassiker wie "Münchhausen" (1943) oder "Die Feuerzangenbowle" (1944) dienten in den letzten Kriegsjahren, als die vor dem Hauptfilm gezeigte "Wochenschau" für die Deutschen nur noch wenig Erfreuliches von den Fronten zu berichten hatte, immer häufiger der Zerstreuung.

Luftangriffe und Stimmung in der Bevölkerung
Die Luftsirenen in den Großstädten ertönten ab 1942 häufiger, Verdunklungen waren an der Tagesordnung, und immer öfter mussten Menschen in drangvoller Enge zermürbende Nächte in Luftschutzräumen oder Hauskellern verbringen. Der nach den Luftangriffen anschließend tagelang über der Stadt liegende Geruch von Feuer, verbranntem menschlichem Fleisch und Fäulnis war ihnen auch Jahre nach Kriegsende noch präsent. Vom Luftschutz angebotene "Volksgasmasken" sollten Schutz vor der gefürchteten Rauchentwicklung nach Angriffen bieten. Die Kinderlandverschickung (KLV) und Evakuierungsmaßnahmen ganzer Familien nahmen ebenfalls an Ausmaß zu, allein 1943 verließen über 700.000 Berliner die Reichshauptstadt. Zehntausende Ausgebombter mussten in Notquartieren untergebracht und von der NS-Volkswohlfahrt (NSV) unterstützt werden. Um Papier zu sparen, erschienen zahlreiche Zeitungen und Illustrierte mit Durchhalteparolen nur noch in Sonderausgaben, oder ihr Erscheinen wurde vollständig eingestellt. Verschiedene Waren konnten allein auf dem Schwarzmarkt erworben werden, der als "Kriegswirtschaftsverbrechen" drastisch bestraft wurde, aber dennoch blühte. Missstimmungen gegen die als privilegiert geltenden "Parteibonzen" der NSDAP nahmen zu, und auch Adolf Hitler wurde davon nun nicht mehr ausgenommen. Den Weg in den aktiven Widerstand fanden allerdings nur wenige Deutsche.

Wurden Hitler nach dem deutschen Sieg über "Erbfeind" Frankreich im Sommer 1940 von den meisten Deutschen geradezu abgöttische Sympathien zuteil, so zweifelten im weiteren Kriegsverlauf - als die Gefallenenlisten bisher unbekannte Ausmaße annahmen - immer mehr "Volksgenossen" am "Geschick des Führers". Nach der Kapitulation der 6. Armee in Stalingrad im Februar 1943 und der sich unmittelbar anschließenden deutsch-italienischen Niederlage im Afrikafeldzug veränderte sich die Stimmungslage im Deutschen Reich dramatisch. Die Moral in der Bevölkerung sank rapide. Zweifel am "Endsieg" wurden lauter, die - wenn sie in der Öffentlichkeit fielen - mit drakonischen Strafen belegt wurden. Kriegsmüdigkeit und Defätismus nahmen spürbar zu, zugleich aber auch die Angst, dafür denunziert und drastisch bestraft zu werden.

Kriegswende und Kriegsende
Die Ausrufung des "Totalen Krieges" durch Goebbels wenige Tage nach der Niederlage in Stalingrad im Berliner Sportpalast am 18. Februar 1943 sollte die Mobilisierung sämtlicher materiellen und personellen Ressourcen zur Folge haben. Ende Juli 1944 wurden alle "kriegsunwichtigen" Betriebe und Geschäfte geschlossen. Der NS-Staat verpflichtete nun große Teile der Bevölkerung zur Arbeit in der Rüstungsindustrie. Fast alle waffenfähigen Männer waren in der Wehrmacht, in der Waffen-SS oder bei Polizeieinheiten.

Die Sorgen der Deutschen galten nun nicht mehr allein dem Wohlergehen des erwachsenen Familienmitgliedes an der Front, sondern im zunehmenden Maße auch dem noch halbwüchsigen Sohn oder Bruder. Immer häufiger stellten Schulen das am 8. September 1939 eingeführte Notabitur aus, ein Abgangszeugnis, das bei Einberufung zum Militär als Reifezeugnis diente. 14- bis 18-jährige Hitlerjungen wurden in Wehrertüchtigungslagern in Militärtaktik unterrichtet und an Waffen ausgebildet. Mit der Erweiterung der Wehrpflicht ab August 1943 wurden auch Jungen unter 18 Jahren direkt aus den Lagern in die Wehrmacht eingezogen. Bereits 15-Jährige mussten ab 1943 die zur Front abkommandierten Flaksoldaten als "Luftwaffenhelfer" ersetzen, häufig mit tödlichem Ausgang. Mit Einberufung des Volkssturms im Herbst 1944 standen die Halbwüchsigen schließlich mit der Waffe in der Hand dem Feind auch unmittelbar gegenüber.

Angst bestimmte in den letzten Kriegsmonaten den Alltag von Millionen Deutschen, die einer ungewissen Zukunft entgegenblickten. Die jahrelange hasserfüllte Propaganda gegen die "Bolschewisten" wirkte, und die Verbrechen schlugen zurück auf die Deutschen. Aus Angst vor der Roten Armee setzten sich ab Oktober 1944 aus Ostpreußen und Schlesien gewaltige Flüchtlingstrecks nach Westen in Bewegung, nachdem von Rotarmisten an der deutschen Zivilbevölkerung begangene Grausamkeiten wie Ermordung, Verschleppung oder Vergewaltigung bekannt geworden waren. Im Westen des Reiches hingegen wurden Briten und Amerikaner zumeist freundlich begrüßt, weniger als "Befreier" vom NS-Regime, sondern aus Erleichterung darüber, dass sie vor der Roten Armee als Besatzer einrückten und dass der verlustreiche Krieg, der rund 3,8 bis 4 Millionen deutschen Soldaten und 1,65 Millionen Zivilisten den Tod brachte, nun bald ein Ende haben würde. Angst aber hatten auch die Menschen im Westen, vor einem Frieden, der Deutschland diktiert werden könnte, und vor Strafen für begangene Verbrechen der Deutschen in Europa. "Genießt den Krieg, denn der Friede wird schrecklich", dieser in den letzten Kriegsmonaten vor allem unter NS-Funktionären kursierende Spruch brachte die Stimmung bei zahlreichen Deutschen zynisch zum Ausdruck. Nicht selten herrschte im Frühjahr 1945 eine sonderbar bizarre Weltuntergangsstimmung, und jene bis dahin auch materiell Privilegierten wie Funktionäre oder Offiziere zelebrierten sie mit Alkoholorgien, während ein Großteil der Bevölkerung vor allem in den Städten und Flüchtlinge Mühe hatten, satt zu werden oder ein Dach über den Kopf zu finden.

Das Kriegsende am 8. Mai 1945 verringerte die tägliche Not der Bevölkerung zunächst nur unwesentlich. Unter gewaltigen Kriegszerstörungen und Hunger hatte sie zum Teil noch Jahre zu leiden.