Informationen über Technik und Ausrüstung

Deutsche Funkmesstechnik im Zweiten Weltkrieg     
(Fraunhofer-Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik FHR)

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Die Entwicklung der deutschen Funkmesstechnik in den Jahren vor und insbesondere während des Zweiten Weltkrieges war in vielerlei Hinsicht von äusseren und nicht­technischen Einflüssen geprägt. Die politische Führung jener Epoche zeigte nur sehr begrenztes Interesse für die Möglichkeiten, die Radar bot. In Anbetracht der ungünstigen Randbedingungen, unter denen die deutschen Ingenieure gezwungen waren zu arbeiten, müssen ihre fundamentalen und weitsichtigen Errungenschaften umso mehr gewürdigt werden. Im Folgenden sollen einige repräsentative Schrittmacher der Radartechnik vorgestellt werden.

Freya entstand als Ergebnis der Arbeiten der GEMA auf dem Gebiet des Pulsradars und wurde erstmals 1938 von der Marine zur Küstenüberwachung eingesetzt. Das Gerät arbeitete auf einer Frequenz von 125 MHz und verfügte über eine Ausgangs­leistung von 8 kW. Nach der anfangs angewandten, relativ ungenauen Maximumpeilung wurde ab 1940 das sog. Minimumpeilverfahren eingeführt, das mit zwei schielenden Antennendiagrammen arbeitete, deren Schnittpunkt eine scharfe Null­stelle aufwies. Die Winkelpeilgenauigkeit erreichte damit einen Wert von ± 0.8°.

Seine Feuerprobe bestand das Freya-Gerät am 18. Dezember 1939 auf der Nordseeinsel Wangerooge, als mit seiner Hilfe ein britischer Bomberverband auf eine Entfernung von 130 km im Anflug auf die Deutsche Bucht entdeckt wurde. Der darauf folgende Einsatz deutscher Abfangjäger kann wohl als die erste durch Radar unter­stützte Aktion der Luftwaffe gelten.

Kaum jemand denkt heute daran, dass die Wurzeln moderner phasengesteuerter Radare in eine Zeit vor mehr als 60 Jahren zurückreichen. Die Fernsuchanlage Mammut 1 war ein Frühwarngerät mit einer Antenne von beeindruckendem Ausmass. Sie bestand aus acht Freya-Antennen und spannte eine Fläche von 10 m x 25 m auf. Die Strahlrichtung konnte mittels sog. Wellenschieber im Azimut elektronisch um ±_50° geschwenkt werden. Mammut 1 war in der Lage, von der deutschen Nordseeküste aus den Luftraum von der Kanalküste bis zu den britischen Midlands zu überwachen.

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091_52/Würzburg A

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091_53/Würzburg-Riese

Im März 1939 stellte TELEFUNKEN das Flakzielgerät Würzburg mit seiner charak­teristischen Parabol-Reflektorantenne vor. Sie hatte einen Durchmesser von 3 m, das Gerät arbeitete bei einer Frequenz von 565 MHz und erreichte mit 8 kW Pulsleistung eine instrumentierte Reichweite von 40 km. Würzburg C verfügte als Verbesserung gegenüber der Version A über eine Antenne mit einem exzentrisch rotieren­den Speisedipol anstelle eines feststehenden, sodass das Antennendiagramm auf einem Kegelmantel umlief und eine Minimumpeilung in zwei Ebenen möglich war.  Seine Messgenauigkeit erreichte mit maximalen Fehlerwerten von ± 25 m bis ± 40 m für die Entfernung und von ± 0.5° für den Azimut- und Elevationswinkel eine beachtliche Präzision. Bis zum Kriegsende wurden 4'000 Würzburg-Geräte gebaut.

Zur Unterstützung der Jägerführung durch Freya wurde das Gerät Würzburg-Riese als Zielverfolgungsradar eingeführt. Es besass einen Parabolspeigel von 7.4 m Durchmesser und eine dadurch vergrösserte Reichweite von bis zu 70 km.

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091_54/Leitstrahlanlage Knickebein

Ein weiterer Meilenstein deutscher Radartechnik war die Leitstrahlanlage Knickebein, eines der ersten Überhorizont-Versuchsgeräte. Im Jahr 1941 wurde es von TELEFUNKEN in Betrieb genommen. Die Betriebsfrequenz lag bei 30 MHz, also am oberen Ende des Kurzwellenbereichs. Durch Nutzung der Reflexion der abgestrahlten und empfangenen Signalen leitenden Ionosphärenschichten und an der Erdoberfläche wurden Reichweiten von mehreren tausend Kilometern erreicht.

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091_55/FuG 202 Lichtenstein BC installiert in einer Ju 88

Einer der wichtigsten Vertreter im Bereich der Bordradare war das ebenfalls von TELEFUNKEN entwickelte Gerät Lichtenstein BC für Nachtjäger. Es war im Herbst 1941 einsatzbereit, arbeitete bei einer Frequenz von 490 MHz und verfügte über eine Ausgangsleistung von 1.5 kW. Seine Antenne bestand aus vier Quadranten zu jeweils vier Dipolen und Reflektoren. Die Quadranten konnten über einen mechanisch rotierenden kapazitiven Schalter einer kreisförmigen Phasenleitung gespeist werden, wodurch ein konisch rotierender Strahl entstand. Die Zielverfolgung war damit durch eine zweidimensionale Minimumpeilung möglich. Auf eine Reichweite von 4 km konnte eine Entfernungsmessgenauigkeit von ± 100 m mit einem maximalen Winkelfehler von ± 2.5° erzielt werden.

Spätere Ausführungen mit der Bezeichnung Lichtenstein SN2 wurden bei vergleichsweise tiefen Frequenzen unter 100 MHz eingesetzt, um deren Reichweite zu erhöhen. Mehr als 2000 Geräte wurden gebaut.

Das erste deutsche Bordradar mit den wesentlichen Merkmalen späterer Nachkriegsgeräte wurde im Jahr 1943 bei TELEFUNKEN fertiggestellt und trug die Bezeichnung Berlin N1A. Es arbeitete bei einer Frequenz von 3.3 GHz und verfügte über eine Parabol-Reflektorantenne von 70 cm Durchmesser und rotierendem Speisedipol. Das komplette Radar wurde von einem hölzernen Radom abgedeckt. Die von einem Magnetron-Sender erzeugte Ausgangsleistung von 15 kW ermöglichte eine Reichweite von 9 km gegen Luftziele. Insgesamt wurden 25 Berlin-Geräte gebaut.

Bordradar Berlin N1A
Der Anwendung von Radar auf Schiffen kam zumindest zu Beginn des Krieges wesentlich geringere Bedeutung zu als der für Boden- oder Bordradare in Flugzeugen. Erst die positiven Erfahrungen, die die Marine im Kampfeinsatz mit Versuchsgeräten an Bord von Schiffen sammelte, öffnete deren Akzeptanz für die neue Technik. Viele taktische Regeln schienen nun ihre Bedeutung zu verlieren: es existierte kein Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht, schlechte Sicht infolge von Regen oder Nebel war kein Hindernis mehr.

Die ersten Seetakt-Geräte (von: seetaktisch) waren unmittelbare Ergebnisse der Entwicklungen der GEMA im Jahr 1935. Als erstes Schiff wurde das Panzerschiff Admiral Graf Spee 1938 mit einem FuMG 38 G ausgerüstet. Das Gerät verfügte über eine Ausgangsleistung von 1 kW bei einer Frequenz um 500 MHz. Infolge der exponierten Montage an der Mastspitze konnten Schiffsziele auf 25 km Entfernung geortet werden. Der maximale Winkelpeilfehler lag im Bereich von ± 5°.

In den Jahren nach 1939 wurden Seetakt-Geräte auf einer grossen Zahl deutscher Schiffe installiert. Auch als Bodenradare wurden sie ab 1942 entlang der deutschen Küsten und in den besetzten Gebieten eingesetzt.

Darüber hinaus wurden Würzburg und Lichtenstein-Geräte  von der Marine für die Verwendung an Bord von Schiffen wie auch an Land modifiziert. Selbst U-Boote wurden mit Radar ausgerüstet, allerdings unter grossen Schwierigkeiten, verursacht durch erhebliche Platzbeschränkungen und widrige Umweltbedingungen beim Betrieb.

Aufrüstung der Wehrmacht     
(aus Wikipedia)

Als Aufrüstung der Wehrmacht werden wirtschafts- und finanzpolitische Massnahmen zwischen der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges in Europa am 1. September 1939 bezeichnet, die der Vergrösserung des Militärs des Deutschen Reiches dienten.

Die Aufrüstung der ab 1935 in der Wehrmacht zusammengefassten Teilstreitkräfte Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe war integraler Bestandteil der nationalsozialistischen Politik und für Hitler die wichtigste Voraussetzung für die Wiedergewinnung der Grossmachtstellung des Deutschen Reiches. Als Bilanz des energisch vorangetriebenen Rüstungsprogrammes, dessen Fundament schon in der Weimarer Republik gelegt wurde, entstand mit der Wehrmacht ein starker militärischer Machtfaktor auf dem europäischen Kontinent, wobei zugunsten eines schnellen Aufbaus materielle und personelle Qualitätsmängel in Kauf genommen wurden. Die im Friedensvertrag von Versailles zugestandenen 115'000 Mann der Reichswehr konnten aufgrund der 1935 eingeführten Wehrpflicht bis 1939 zu einer 1,1 Millionen Mann starken "aktiven Truppe" erweitert werden, welche durch die Mobilmachung bei Kriegsbeginn auf 4,5 Millionen Mann anstieg.

Im direkten Zusammenhang mit der Aufrüstung entstand die Vierjahresplan-Behörde, deren Aufgabe neben der Funktion als eigene Rüstungsorganisation auch die Erweiterung der Wirtschaft zur "Kriegsfähigkeit" war. Mit dem rasant ansteigenden Militärhaushalt ging eine enorme Staatsverschuldung einher. Wegen ineffizienter Organisation und des Fehlens eines Gesamtrüstungsplanes konnten aber die für einen längeren Krieg notwendige Tiefenrüstung nicht aufgebaut und umfassende Reserven nicht bereitgestellt werden.

Vorgeschichte
Ausgangslage in der Weimarer Republik
Die Niederlage im Ersten Weltkrieg sowie der daraus resultierende Friedensvertrag von Versailles bestimmte das Denken der Reichswehr. Die auferlegten drastischen Beschränkungen stiessen seitens der Politik und in der Bevölkerung auf breiten Widerstand, sodass das vertragsmässig zugebilligte, aber wie beispielsweise in der Ruhrbesetzung zu keiner Verteidigung fähige 100'000-Mann-Heer mit seinen sieben Infanterie- und drei Kavallerie-Divisionen nicht nur in den Augen der militärischen Spitzen als Übergangslösung und als Ausgangsformation für eine grössere und keinen Bedingungen unterworfene Streitmacht angesehen wurde. Um dieses Ziel zu erreichen, war die Reichswehrführung bereit, gegen den als Reichsgesetz geltenden Versailler Vertrag zu verstossen und illegale Massnahmen zu ergreifen wie die Ausrüstung der Einwohnerwehren mit militärischem Gerät, die Billigung der Schwarzen Reichswehr, die Einrichtung von schwarzen Kassen wie zum Beispiel bei der Lohmann-Affäre, die Verschleierung von staatlichen Rüstungsinvestitionen durch das Montan-Schema, die geheime Rüstungsplanung durch die Stega, die Weiterführung des verbotenen Generalstabes unter der Tarnbezeichnung Truppenamt und die militärische Kooperation mit der Sowjetunion im Rahmen des Rapallo-Vertrages zur Gewinnung von grundlegenden taktischen und technischen Kenntnissen. Bis zum Beginn der dreissiger Jahre blieben jedoch das Ausmass und die militärische Effizienz dieser Massnahmen auf personellem und materiellem Gebiet relativ gering.

Erstes Rüstungsprogramm
Die Entlassung Hans von Seeckts als Chef der Heeresleitung im Oktober 1926 und die sich in der Armeeführung langsam durchsetzende Erkenntnis, dass nur eine Kooperation mit dem Reichstag als Legislative eine politische Absicherung der gewünschten Rüstungsmassnahmen erbringen werde, bedeutete eine Wende in der Beziehung zwischen der Reichswehr und der von ihr skeptisch betrachteten Reichsregierung. So kündigte Reichswehrminister Gessler vor dem Kabinett im November 1926 an, die bisher gegenüber der Staatsführung praktizierte Geheimhaltung aufzugeben und von nun an umfassend über die bislang eingeleiteten Rüstungsmassnahmen zu informieren. Aufgrund der somit akzeptierten politischen Kontrolle über die Reichswehr war das Kabinett unter Reichskanzler Wilhelm Marx sowie dessen sozialdemokratischem Nachfolger Hermann Müller bereit, die Finanzierung der immer noch geheimen Rüstungsmassnahmen zu übernehmen. Daraufhin wurde nach fast zweijähriger Vorarbeit das"Erste Rüstungsprogramm" am 29. September 1928 vom Chef der Heeresleitung genehmigt und am 18. Oktober vom Kabinett Müller verabschiedet. Das Ziel dieses Programms, welches erstmals das gesamte materielle Aufrüstungsvorhaben des Heeres in ein auf fünf Jahre konzipiertes Programm integrierte, war die Ausstattung an Gerät und Munition für ein 16-Divisionen-Heer, eine beschränkte Bevorratung und Massnahmen zur Verbesserung der industriellen Fertigungsmöglichkeiten im Mobilmachungsfall. Dieses Ziel sollte bis 1932 erreicht sein; dafür sollten 350 Millionen Reichsmark aus einem geheimen Fonds ausgegeben werden. Gemessen am Gesamtetat der Reichswehr in Höhe von 726,5 Mio. RM (= 8,6 % des Staatshaushaltes) erscheinen die somit jährlich zur Verfügung stehenden 70 Mio. RM relativ unbedeutend, jedoch kann es als ein Novum in der deutschen Heeresgeschichte angesehen werden, dass die komplexen Faktoren einer von modernen industriellen Fertigungsverfahren bestimmten militärischen Rüstung in einem zielgerichteten Programm aufeinander abgestimmt worden sind.

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091_56/Reichskanzler Wilhelm Marx billigte die Finanzierung der geheimen Rüstung

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091_57/Reichswehrminister Wilhelm Groener baute die Armee innerhalb politischer Rahmenbedingungen aus

Zweites Rüstungsprogramm
Mit dem im Januar 1928 neu berufenen Reichswehrminister Wilhelm Groener setzte eine Dynamisierung der Rüstungsanstrengungen ein, da mit ihm ein Mann an die Spitze berufen wurde, der über hinreichende politische, wirtschaftliche und militärische Kompetenz verfügte. Unter der Prämisse des weiteren Aufbaus der Reichswehr wurde im Frühjahr 1932 das "Zweite Rüstungsprogramm" verabschiedet, das später die Basis für die Aufrüstung im Dritten Reich bildete. Bei einem Aufwand in Höhe von 484 Millionen Reichsmark sollte die Aufstellung eines 21-Divisionen-Heeres, dessen Ausstattung mit Waffen, Gerät und Munition sowie dessen Bevorratung für sechs Wochen realisiert werden. Die erstmals bedachte Luftwaffe sollte 110 Mio. RM erhalten und aus insgesamt 150 Flugzeugen bestehen. Bezugnehmend auf die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen war das Programm auf fünf Jahre (April 1933 bis März 1938) ausgelegt. Eine im November erfolgte Modifizierung sah vor, dass bis zum Frühjahr 1938 insgesamt 570'000 Mann aktiv unter Waffen stehen sollten. Da es sich um ein auf ein Maximum an Rüstungsmassnahmen ausgelegtes und dementsprechend eng kalkuliertes Programm handelte, erwies es sich aufgrund der wirtschaftlichen Veränderungen, die mit den Folgen der Weltwirtschaftskrise einhergingen, als besonders empfindlich, so dass sich Groener gezwungen sah, weitere Gelder in Höhe von einer Milliarde Mark, verteilt auf fünf Jahre, von der Reichsregierung anzufordern. Finanziell erschwerend kamen die Preisdiktate einiger Rüstungsunternehmen hinzu, die sich angesichts der allgemeinen Wirtschaftskrise mittels Preisgestaltung gesundstossen wollten. Die wenigen Rüstungsbetriebe hatten eine Monopolstellung, da es gemäss dem Versailler Vertrag nur einer geringen Anzahl von Unternehmen (beispielsweise Borsig oder Simson) erlaubt war, Rüstungsgüter herzustellen.

Unklar ist, inwiefern die zwei Rüstungsprogramme auf einem streng geheimen Plan aus dem Jahre 1925 basierten. Schon 1923 liess Seeckt als Chef der Heeresleitung von einer kleinen Gruppe mit 18 Mann wichtige Eckpunkte für ein kriegsverwendungsfähiges Heer mit 102 Divisionen und 3 Millionen Mann erstellen. Allerdings ist umstritten, ob überhaupt und in welchem Umfang dieser Plan Auswirkungen auf die spätere Rüstungsplanung hatte. Rückblickend auf die Rüstungspolitik in der Weimarer Republik ergibt sich jedoch zweifelsfrei die Tatsache, dass eine langfristige und umfassende Rüstungsplanung nicht erst mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, sondern schon in der Zeit der Weimarer Republik mit dem ersten und zweiten Rüstungsprogramm einsetzte.

Wandel der Rüstungspolitik in der Zeit des Nationalsozialismus
Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers setzte eine radikale Veränderung der Wehrpolitik ein. Die Groenersche Richtlinie – die besagte, dass ausschliesslich politische Gesichtspunkte für die Aufgaben der in ein multilaterales Sicherheitssystem eingebetteten Reichswehr massgebend seien – wurde zügig verlassen und die seit Gründung der Reichswehr latent vorhandenen Revisionsabsichten zum Primat der Reichswehrstrategie erklärt. Besonders bezeichnend war Hitlers Ansprache vor den Repräsentanten der Reichswehr am 3. Februar 1933, bei der er gleich zu Beginn verkündete, dass die Wiedergewinnung der politischen Macht das alleinige Ziel seiner Politik sein werde und die Voraussetzung hierfür der Aufbau der Wehrmacht sei. Die Aufrüstung der von Hitler als wichtigste Einrichtung des Staates bezeichneten Reichswehr erhielt oberste Priorität.

Stand der Rüstung nach der Machtübernahme
Eine im März 1933 aufgrund der Westerplatte-Affäre erstellte Denkschrift für Reichswehrminister Werner von Blomberg kennzeichnete die derzeitige militärische Lage als "hoffnungslos". Dem Heer fehlte es an personellen Reserven, militärischem Gerät und vor allem an Munition. Zwar konnte damit gerechnet werden, dass die abgeschlossenen Vorarbeiten des "Zweiten Rüstungsprogrammes" bald erste greifbare Ergebnisse erbringen, jedoch war im März 1933 noch keine einzige der vielen Massnahmen des Umbauplanes vom November 32 realisiert worden. Für die 15'000 Mann der Reichsmarine stand noch nicht einmal das vom Versailler Vertrag zugestandene Schiffsmaterial zur Verfügung. Bei den leichten Seestreitkräften war das Limit fast erreicht, aber von den erlaubten sechs Panzerschiffen waren erst drei in Auftrag gegeben und noch keines fertiggestellt worden. Die offiziell noch nicht existente Luftwaffe bestand aus drei "Reklamestaffeln" mit nur einer geringen Anzahl von zivilen Übungsmaschinen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Reichswehr die personellen Bestimmungen des noch gültigen Versailler Vertrages nur unwesentlich überschritten.

Aussenpolitische Faktoren
Mit der öffentlichen Ankündigung konkreter Rüstungsmassnahmen hielt sich Hitler aus Gründen der ungeklärten aussenpolitischen Situation vorerst zurück, da man keine militärische Intervention seitens Frankreichs oder Polens riskieren und das Ergebnis der Genfer Abrüstungskonferenz abwarten wollte. Obwohl Hitler – im Gegensatz zu Blomberg und Neurath – einem positiven Abschluss der Konferenz aufgrund der Vermeidung einer aussenpolitischen Isolation nicht völlig abgeneigt war, kam es zu keiner grundlegenden Übereinkunft, da die vorgelegten Vermittlungsvorschläge aus Sicht der deutschen Delegation keine Verbesserung bedeuteten. Der am 14. Oktober 1933 verkündete Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund und der Abrüstungskonferenz stellte dann den endgültigen Bruch mit Groeners kollektivem Sicherheitssystem dar und markierte die Wendung zu der von Blomberg favorisierten, allein auf militärischer Stärke beruhenden Politik.

Aufrüstung der Wehrmacht 1933 bis 1939
Aufrüstung des Heeres
Für die Rüstungsmassnahmen des Jahres 1933 galt immer noch das "Zweite Rüstungsprogramm". Da man anfangs einen offenen Vertragsbruch vermeiden wollte, wurden die jetzt reichlich fliessenden Mittel vorerst für eine indirekte Aufrüstung in Form weitläufiger militärischer Infrastrukturmassnahmen sowie den Aufbau heereseigener Betriebe verwandt. Eine umfangreiche Verletzung der Versailler Restriktionen fand dagegen im Verborgenen statt, was sich besonders bei der intensiven Unterstützung des Militärs beim Aufbau einer Rüstungsindustrie bemerkbar machte. So wurde im sogenannten "Innerdeutschland" die Gründung unzähliger Rüstungsunternehmen veranlasst oder unterstützt. Bis 1934 nahmen 18 grosse Firmen, beispielsweise Borsig in Berlin, die Krupp-Tochter Grusonwerk in Magdeburg oder die zum Bochumer Verein gehörende Hanomag in Hannover, ihre verbotene Rüstungsproduktion auf.

Rüstungsprogramme
Gegen Ende 1933 veränderten sich die politischen Rahmenbedingungen: aussenpolitisch, nachdem sich die britische und die französische Regierung faktisch mit dem Austritt des Reiches aus dem Völkerbund abgefunden hatten und innenpolitisch, weil die Reichswehr sich der Konkurrenz zur SA mittels Erweiterung der eigenen Basis erwehrte. Das langfristige Planungsprogramm aus dem Jahr 1932 erschien der Reichswehr nicht mehr zeitgemäss; im Dezember 1933 fiel die Entscheidung für den Aufbau eines 300'000-Mann-Heeres. Das Programm, das am 18. Dezember 1933 vom Chef des Truppenamtes Generalleutnant Ludwig Beck unterzeichnet wurde, sah die Aufstellung eines stehenden 21-Divisionen-Friedensheeres bis März 1938 vor, aus dem ein mobilisierbares 63-Divisionen-Kriegsheer entstehen sollte.

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091_58/Trotz forcierter Aufrüstung besass das Heer im Frühjahr 1935 erst zwölf Panzerkampfwagen I

Im Frühjahr 1934 drängte Hitler auf eine Beschleunigung des Dezemberprogramms, wobei er konform mit Beck lag, der die Auffassung vertrat, dass der Schwerpunkt des Aufbaus in den ersten zwei Jahren liegen müsse, auch wenn Beck für eine Tiefenrüstung statt einer von Hitler favorisierten Breitenrüstung eintrat. Basierend auf dem organisatorischen Fundament des "Zweiten Rüstungsprogrammes" erreichte das Reichsheer ohne nennenswerte Probleme im Frühjahr 1934 eine Stärke von 180'000 Mann. Die grösstenteils nur aus Rumpfverbänden bestehenden 21 Divisionen hatten aber bei weitem nicht ihre volle personelle und materielle Stärke erreicht, denn die Heeresvermehrung erfolgte nach dem Schema, dass jede Division zwei neue aufzustellen hatte. So waren von den vorgesehenen 189 Infanteriebataillonen erst 109 aufgestellt und die zwei Panzerbataillone besassen lediglich 12 Panzerkampfwagen. Das Heer hatte nur einen Nachschubvorrat von sechs Wochen; in Planspielen rechnete man ab dem 3. Kriegsmonat mit einem Absinken des Nachschubes auf wenige Prozent und die mögliche Kriegsproduktion von Munition erreichte nur 50 Prozent.

Juli-Programm 1935
Da zur Abwehr eines möglichen französischen Angriffes bis zu 10 sofort einsetzbare Divisionen an der Westgrenze stehen mussten und diese Kader somit für den Aufbau des Heeres ausfielen, erhöhte die Heeresführung das anzustrebende Rüstungsziel auf 30 bis 36 Divisionen. Mit Hitlers Proklamation der Wehrhoheit ("Gesetz über den Aufbau der Wehrmacht und Wiederherstellung der Wehrhoheit”) am 16. März 1935 wurde die Stärke des Friedensheeres auf nunmehr 36 Divisionen festgelegt. Mit der gleichzeitigen Bekanntgabe des "Wehrgesetzes” wurden auch formal die letzten Beschränkungen des Versailler Vertrages abgestreift und die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht (zum 1. Oktober 1935) verkündet, womit Hitler ein 1933 an die Generalität gegebenes Versprechen einlöste. Im Juli wurden dann die vom Generalstab ausgearbeiteten Pläne verabschiedet, wonach zum 1. Oktober 1939 die Heeresstärke rund 700'000 Mann (eingeteilt in 33 Infanterie- und 3 Panzerdivisionen) betragen sollte. Zum ersten Mal wurden auch konkrete Angaben zum Kriegsheer gemacht, das zum April 1936 auf 28 Divisionen, im Jahr 1939 auf 49 und endgültig im Jahr 1941 auf die geplante Stärke von 63 Divisionen anwachsen sollte.

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091_59/Werner von Fritsch (Mitte) als OBdH trat für einen kontinuierlichen Ausbau ein

Diese markante Revision des Dezemberplanes von 1933, in dem die Aufstellung des Kriegsheeres schon für das Frühjahr 1938 vorgesehen war, war wohl (neben der verspäteten Einführung der Wehrpflicht) einem Konflikt innerhalb der militärischen Führung geschuldet, in dem man sich uneinig über die weitere Vorgehensweise war. Beck und Fritsch plädierten jetzt für eine langsamere und kontinuierliche Aufstellung von neuen Formationen. Der Chef des Allgemeinen Heeresamtes, Oberst Fromm, wollte dagegen die sofortige Aufstellung dieser 36 Divisionen, bei denen es sich seiner Meinung nach nur um Infanteriedivisionen handeln könne und die Kavalleriedivisionen und Panzerdivisionen zusätzlich hinzu kommen sollten. General von Schwedler als Chef des Heerespersonalamtes lehnte wiederum eine Vermehrung des Heeres für 1936 kategorisch mit dem Argument ab, dass 1933 das Korps aus 3'800 Offizieren bestand und sich diese Zahl zwei Jahre später um 72 Prozent auf 6'553 erhöht hatte, was unausweichlich eine Minderung der militärischen Qualität zur Folge haben müsse. Für das Jahr 1941 kalkulierte man einen Fehlbestand von 13'150 Offizieren, mit dessen Ausgleich unter normalen Umständen erst im Jahre 1950 gerechnet wurde.

Als Kompromiss legte die Heeresleitung als Zwischenetappe das Herbst-Ziel 1935 auf ein 24-Divisionen-Heer fest, dessen personelle Vergrösserung auf 400'000 Mann durch die Übernahme von zwei Dritteln der kasernierten Landespolizei gewährleistet wurde. Den Verantwortlichen war bewusst, dass diese personelle Vervierfachung in zweieinhalb Jahren eine Minderung der Qualität bedeutete, denn die materielle Ausstattung konnte mit dieser Aufblähung bei weitem nicht mithalten. Deutlich wurde die Missachtung der materiellen Relevanz durch die Tatsache, dass bei der Planungskonzeption das Heereswaffenamt nicht mit hinzugezogen wurde.

Entwurf "Erhöhung der Angriffskraft des Heeres"

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091_60/Die geplante Ausstattung von Infanteriedivisionen mit je einer Sturmgeschütz-Abteilung liess sich wirtschaftlich nicht realisieren

In die kurze Zeit der Stagnation der Gesamtplanung für den Aufbau des Heeres im Jahre 1936 fiel die unter dem Stichwort Erhöhung der Angriffskraft des Heeres aufkommende Diskussion über die sich neu eröffnenden Möglichkeiten der jungen Panzertruppe, die auch Auswirkungen auf das endgültige Rüstungsprogramm haben sollte. Im Generalstab erkannte man die Chance, dass man mit dieser neuen Waffe eine sehr bewegliche Kampfführung durch führen konnte und sich damit neue operative Dimensionen eröffneten. Der Chef des Generalstabes Beck schlug daraufhin vor, zusätzlich zu den bestehenden drei Panzerdivisionen motorisierte Schützenregimenter und selbstständige Panzerbrigaden aufzubauen, die je nach Situation zu operativen Kampfverbänden zusammengefügt werden sollten. Er wollte durch Motorisierung von mehreren Infanteriedivisionen die Angriffskraft des Heeres insgesamt erhöhen. Des Weiteren war er der Ansicht, dass jedes Armeekorps mit einer Panzerbrigade ausgestattet werden sollte. Zum Programm »Erhöhung der Angriffskraft« kann auch der Entwurf des Oberbefehlshaber des Heeres, von Fritsch, zählen, der aufgrund einer Denkschrift des Chefs der Operationsabteilung im Generalstab, von Manstein, eine Weisung unterzeichnete, demnach jeder Infanteriedivision eine Sturmgeschütz-Abteilung zugeordnet werden sollte. Diese Weisung wurde später nach der Entlassung Fritschs im Rahmen der Blomberg-Fritsch-Krise revidiert. Einerseits stellte die Konzeption »Erhöhung der Angriffskraft« eine Verstärkung des Heeres dar, andererseits wurden deutlich die Defizite der militärischen Führung in Wirtschaftsfragen aufgezeigt, denn eine Realisierung dieses Programms stand weit jenseits der wirtschaftlichen Möglichkeiten des Reiches. Das Argument vom Chef des Heeresamtes, bei der Planung die rüstungstechnischen Möglichkeiten zu berücksichtigen und die Anzahl der finanziell kaum verkraftbaren Panzerabteilungen zu reduzieren, wies Beck mit der Anmerkung zurück, "dass geldliche Gründe nicht zählen".

Endgültiges Rüstungsprogramm
Im Jahre 1936 wurde schliesslich mit dem Augustprogramm der endgültige Rüstungsplan aufgelegt. Trotz der Verringerung um eine Infanteriedivision bedeutete der Entwurf eine Stärkung gegenüber dem Juliprogramm 35, da dem Konzept »Erhöhung der Angriffskraft« mit der Aufstellung von drei leichten Divisionen und vier motorisierten Infanteriedivisionen Rechnung getragen wurde. Das bisher noch kaum in Erscheinung getretene Kriegsheer sollte aus 102 Divisionsverbänden bestehen, die sich hauptsächlich in 72 Infanteriedivisionen (plus 21 Landwehrdivisionen) gliedern und mit starken Korpstruppen eine Gesamtstärke von 3,6 Mio. Soldaten umfassen sollten. In sieben Jahren wurde so der im Kaiserreich über 40 Jahre dauernde Aufbau des Deutschen Heeres übertroffen, das zu Kriegsbeginn 1914 über 2,1 Mio. Mann verfügte.

Zum Aufrüstungsprogramm gehörte auch die Schaffung einer entsprechenden Infrastruktur. So wurden in Deutschland zwischen 1934 und Kriegsbeginn etwa 500 Kasernenneubauten allein für das Heer errichtet, ab 1936 auch im bis dahin entmilitarisierten Rheinland.

Rüstungsverlauf bis Kriegsbeginn
Die weitere Aufrüstung verlief im Wesentlichen nach dem Augustprogramm. Im Herbst 1936 wurde die geplante Summe von 36 Infanteriedivisionen erreicht, womit man gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung der Anzahl um 50 Prozent verwirklichte. Organisatorisch wurde der Aufbau des Kriegsheeres verstärkt vorangetrieben, wobei ein Grossteil der dafür veranschlagten Divisionen aus dem Kader des Friedensheeres gestellt werden sollte, obwohl dieses teilweise selbst nur aus Rumpfverbänden bestand. Im Jahre 1937 wurde erstmals nach drei Jahren andauernder Neuaufstellungen kein Grossverband (mit Ausnahme einer leichten Division) aufgestellt. Die wichtigste Massnahme in diesem Jahr bestand in der Motorisierung von vier Infanteriedivisionen. Grosse Veränderungen traten im Jahr 1938 ein, da es mit der Eingliederung des österreichischen Bundesheeres nach dem Anschluss Österreichs und der Angliederung des Sudetenlandes (Münchner Abkommen) personell möglich wurde, drei Infanterie-, zwei Panzer-, zwei Gebirgs- und eine Leichte Division aufzustellen, womit das eigentliche Ziel des Augustprogrammes bereits überschritten wurde. Von grosser Bedeutung für den Rüstungsstand waren die durch die Zerschlagung der Rest-Tschechei erbeuteten, qualitativ hochwertigen tschechischen Armeebestände, die es ermöglichten, 15 bis 20 Divisionen mit militärischem Gerät auszurüsten. Im Sommer 1939 liefen die gestaffelten und nicht öffentlich bekanntgemachten Teilmobilisierungen an, wodurch das organisatorisch gut vorbereitete Kriegsheer zügig und relativ unauffällig auf Stärke gebracht wurde.

Wirtschaftliche Probleme
Die materielle Komponente konnte jedoch in keiner Weise mit der enormen personellen Steigerung mithalten. Eine Hochrüstung in solchem Tempo musste unweigerlich zu wirtschaftlichen Problemen führen, die jedoch weder von der militärischen noch von der politischen Führung berücksichtigt wurden. Die volkswirtschaftlichen Konsequenzen dieser rasanten Aufrüstung, die immense finanzielle Dauerbelastung und die sich eventuell daraus entwickelnden sozialen Folgen spielten jedoch für die militärische Führung keine Rolle und wurden in Vorträgen und Denkschriften nur am Rande oder gar nicht erwähnt.

So liessen die Mindestbeschaffungsaufträge, welche der Industrie auch nach der Hochphase der Rüstung Aufträge vermitteln sollten, in der Zukunft untragbare Zustände entstehen, was beispielsweise daran ersichtlich wurde, dass ab 1942 dieser Posten höher war als die Unterhaltskosten des Heeres. Die unsinnige Konsequenz der Mindestbeschaffung würde sich spätestens ab 1940 zeigen, als man beispielsweise mit einem jährlichen Zuwachs von 36'000 MG rechnete, für die keine Verwendungsmöglichkeit bestand.

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091_61/Die weltweite Stahlerzeugung im Jahr 1939

Zu fortwährenden Umdispositionen und somit zu einer Verlangsamung der Aufrüstung kam es ab 1936, als die Rohstoffknappheit zu einem prekären Faktor wurde. So ist es kein Zufall, dass in diesen Zeitraum, der von Hitler proklamierte Vierjahresplan fiel. Dieses Programm zur Ausbeutung aller heimischen Rohstoffvorkommen und des Aufbaus einer Ersatzstoffindustrie – hauptsächlich für Kunstkautschuk und Synthetisches Benzin – ohne Rücksicht auf Rentabilität und die damit verbundene Zielsetzung, die Wirtschaft "kriegsfähig" zu machen, ist im Zusammenhang mit dem Augustprogramm des Heeres zu sehen. Die wirtschaftlichen Probleme wurden dadurch jedoch nicht gelöst. So konnte schon 1937 der Kupferbedarf des Heeres nur zur Hälfte gedeckt werden, was den ObdH zu einer Meldung veranlasste, dass ein erheblicher Teil, der im Jahre 1939 zu fertigenden Munition ohne Führungsringe und ohne Zünder zur Auslieferung kommen werde. Neben der Verknappung von Nichteisenmetallen kam 1937 auch ein Mangel von Rohstahl dazu, was zu einer Eisen- und Stahlkontingentierung führte. So konnten in diesem Jahr statt der vom Heer monatlich angeforderten 750'000 Tonnen Stahl nur 300'000 Tonnen geliefert werden. Ein weiterer Verteilungskampf in schärfster Form entstand nach Hitlers Befehl, den Westwall durch die Organisation Todt, ohne jede Rücksicht auf die wirtschaftliche Situation auszubauen. Die Stahlknappheit führte schliesslich zu einer im Dezember 1938 vom Reichswirtschaftsminister ausgerufenen Sperre für alle Aufträge von Stabstahl und Feinbleche an die Industrie, wodurch es zu gravierenden Lieferverzögerungen an Waffen, Gerät und Munition kam. Das Heeresamt und der Generalstab zogen daraufhin die Konsequenzen und meldeten, dass der Grossteil des Kriegsheeres erst zum 1. April 1941 vollständig aufgestellt und der erforderliche Munitionsnachschub gar erst zum 1. April 1942 erreicht werden könne. Doch Hitler hatte eine Bevorratung von Nachschub nicht ins Auge gefasst und forderte ein noch schnelleres Tempo bei der Aufrüstung, was das Heeresamt im April 1939 zur Meldung veranlasste, dass 34 Infanteriedivisionen so gut wie überhaupt keine Waffen und Geräte besitzen, das Ersatzheer nur über zehn Prozent an Gewehren und MG verfüge und der gesamte Munitionsvorrat auf 15 Kampftage gesunken war. Die durchgeführte Breitenrüstung liess den fabrikatorischen Aufbau von Nachschubkapazitäten nicht zu, so dass eine erforderliche Bereitstellung umfangreicher materieller Reserven nicht gewährleistet werden konnte.

Aufrüstung der Marine
Wie beim Heer nahm die Aufrüstung der Marine ihren Ausgang im »Zweiten Rüstungsprogramm«, wobei auch hier ab 1933 die finanziellen Mittel vorerst für Infrastrukturmassnahmen, wie etwa den Aufbau von Küstenverteidigungsanlagen, Häfen, Werften und eigenen Rüstungsbetrieben verwendet worden sind. 1933 gab es keine klare Zielrichtung für den Flottenbau, weil man den Verlauf der Genfer Abrüstungskonferenz abwarten wollte und Hitler anfangs ein scharfer Gegner einer maritimen Ausrichtung der deutschen Politik und an einer Forcierung des Flottenbaus nicht interessiert war, da er auf diesem Wege einen Ausgleich mit England erzielen wollte. In einem ersten Gespräch im Frühjahr 1933 mit dem Chef der Marineleitung Raeder wiederholte Hitler seine politische Richtlinie, "nie mehr gegen England kämpfen zu wollen". Jedoch scheint Raeder den Reichskanzler von der Nützlichkeit der Flotte aus Gründen der Macht- und Bündnispolitik überzeugt zu haben, denn Hitler revidierte später seine Meinung und war einer Marinerüstung nicht mehr abgeneigt. Die anfänglichen Kriegsspiele der Marine wurden mit dem Hintergrund durchgeführt, Frankreich nicht nur am Eindringen in die Ostsee zu hindern, sondern auch dessen Seeverbindungen durch eine aktive Seekriegsführung im Atlantik zu behindern. Deswegen war das Ziel der Marineführung schon seit den zwei Rüstungsprogrammen der Reichswehr die Parität mit Frankreich.

Schiffsbaupläne
Zu Beginn des Jahres 1934 wurden die Bauaufträge für die Panzerschiffe D und E mit erhöhter Tonnage (später Gneisenau und Scharnhorst) und vier Zerstörer vergeben. Nach Verlassen der Abrüstungskonferenz setzte auch in der Marineführung eine nicht mehr auf den Versailler Vertrag Rücksicht nehmende Rüstungspolitik ein, welche sich im März in einem neuen Schiffbau-Plan niederschlug. Dieser sah den Bau von acht Panzerschiffen, drei Flugzeugträgern, 18 Kreuzern, 48 Zerstörern und 72 U-Booten vor und sollte bis 1949 realisiert werden. Im Herbst wurden im Rahmen dieses Planes die Bauaufträge für die schweren Kreuzer Blücher, Admiral Hipper und für fünf Zerstörer erteilt sowie die Pläne für das erste Grosskampfschiff (Ersatzbau F, später Bismarck) forciert, so dass mit dessen Baubeginn im Sommer 1936 gerechnet werden konnte. Auch der dritte Kreuzer der Admiral-Hipper-Klasse, die spätere Prinz Eugen, wurde in Auftrag gegeben und im Mai 1936 auf Kiel gelegt. Mit diesen Bauanordnungen wurde der Rahmen des Versailler Vertrages gesprengt, was aber keine Konsequenzen nach sich zog, da dies vor der Öffentlichkeit gut verheimlicht werden konnte.

In der Folgezeit kam es zu scharfen Kontroversen innerhalb der Marineführung aber auch zwischen dieser, dem Auswärtigen Amt und Hitler über die Einzelheiten der Schiffbauplanung sowie über die politische Zielsetzung; letztendlich konnte dieses Programm bis Kriegsbeginn nicht annähernd realisiert werden. Besonders ein so langfristiges Rüstungsprogramm wie der Schiffbau musste sich als besonders empfindlich für kurzfristige Planänderungen erweisen. Im Januar 1935 betonte Hitler, dass aufgrund des zu erwartenden aussenpolitischen Drucks wegen der Saarabstimmung das Rüstungstempo zu erhöhen sei, was die Marineführung dazu veranlasste, weitere Zerstörer in Auftrag zu geben und den Baubeginn für den Flugzeugträger A (später Graf Zeppelin) auf den 1. April 1935 vorzuverlegen, obwohl über die wichtigsten Baudaten dieses Schiffes noch gar nicht entschieden worden war. Dieser voreilige Plan liess sich nicht realisieren und erst am 16. November 1935 wurden der Flugzeugträger A und das Schwesterschiff Flugzeugträger B in Auftrag gegeben (wobei keines der beiden Schiffe je fertiggestellt wurde). Das am 18. Juni 1935 unterzeichnete – und von der Marineführung ohnehin nur als vorläufig betrachtete – Deutsch-Britische Flottenabkommen bedeutete somit keinen "Verzicht" für die Kriegsmarine, denn die nun statt der 144'000 tn.l. offiziell zur Verfügung stehenden 520'000 tn.l. konnten nicht ausgeschöpft werden, da die Werften schon voll ausgelastet waren und keine zusätzlichen Neubauten übernehmen konnten.

U-Boot-Bau

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091_62/Eine von Dönitz geforderte Konzentrierung auf den Typ VII unterblieb (Museumsschiff "Wilhelm Bauer")

Auch die U-Boot-Baupolitik blieb ohne klare Konturen. Der Führer der Unterseeboote Dönitz forderte die Konzentration auf einen Haupt-Typ, ein 750-t-Boot, das sich durch hohe Offensivkraft auf kleinem Raum auszeichnete. Doch bei der Marineleitung warf man den Blick auch auf grössere Unternehmungen, so dass Raeder als Kompromiss im Jahr 1936 den Bau von sieben Boo- ten des Typs VII und vier Booten des grösseren Typs IX anordnete. Im folgenden Jahr wurden acht Boote des mittleren Typs VII, fünf Boote des grösseren Typs IX und acht Boote des Küstentyps II in Auftrag gegeben. Die konzeptionslose Baupolitik, welche weder militärischem noch politischem Kalkül, sondern gerade gegebenen wirtschaftlichen Möglichkeiten folgte, zeigte sich u. a. darin, dass im Sommer 1937 Aufträge für acht zusätzliche Boote vom kleinen Typ II nur deswegen vergeben wurden, weil überraschenderweise Werftkapazität zur Verfügung stand. Zu Kriegsbeginn standen nur 57 U-Boote bereit; davon war die Hälfte für ozeanische Unternehmungen geeignet.

Schiffsbauplan 1937
Hitlers Annäherungsversuche an England, um im Osten freie Hand zu bekommen, hatten nicht den gewünschten Erfolg, weshalb 1937 erstmals auch England als eventueller Gegner in die Studien der maritimen Operationsabteilungen mit einbezogen wurde. Dem wurde mit Raeders erweitertem Bauprogramm vom 21. Dezember 1937 Rechnung getragen, das nicht nur den Neubau von sechs Schlachtschiffen vorsah, sondern den schon im Bau befindlichen zwei Flugzeugträgern zwei weitere hinzufügte. Dieser Plan blieb aufgrund der angespannten wirtschaftlichen Lage folgenlos – im Jahr 1937 konnte kein einziges Kriegsschiff bis einschliesslich Zerstörer in Auftrag gegeben werden. Gegenüber den weitschweifenden Plänen nahm sich Ende des Jahres der Schiffsbestand recht bescheiden aus: die Flotte bestand aus drei Panzerschiffen, sechs Leichten Kreuzern, sieben Zerstörern und zwölf Torpedobooten.

Z-Plan
Im Jahre 1938 wurde endgültig mit dem Bann einer deutsch-englischen Konfrontation gebrochen, woraufhin im Sommer die Operationsabteilung der Seekriegsleitung eine Denkschrift über die Möglichkeiten der "Seekriegsführung gegen England" herausgab, aus welcher hervorging, dass die Kriegsmarine die erwartete britische Seeblockade nicht sprengen könne und das einzige Ziel der Seekriegsführung nur in der nachhaltigen Störung des britischen Überseehandels mittels weitreichender Panzerschiffe und dem massierten Einsatz von U-Booten liegen könne. Die Zukunft der von Hitler favorisierten Schlachtschiffe wurde in dem Bericht nur vorsichtig behandelt und in der Abschlussbesprechung ergab sich die paradoxe Situation, dass der Chef des Stabes feststellen musste, dass man den Schiffstyp zwar brauche, aber eine völlige Klärung des Verwendungszwecks nicht erreicht werden konnte. Diesem Bericht wurde jedoch nur am Rande Rechnung getragen und man entwickelte nach mehreren Planungsüberarbeitungen ein utopisches Programm, welches unter dem Namen Z-Plan bekannt wurde. Dieses umfasste in der Endfassung insgesamt 10 Schlachtschiffe, 4 Flugzeugträger, 15 Panzerschiffe, 5 Schwere, 22 Leichte u. 22 Späh-Kreuzer, 68 Zerstörer und 249 U-Boote. Das Projekt sollte bis 1948 fertiggestellt sein, wobei die Schlachtschiffe und Flugzeugträger mit ihren extrem langen Bauzeiten vorerst in den Hintergrund rücken sollten. Zugleich beliess es der Flottenchef nicht bei dieser abenteuerlichen Vision und schlug neben einer starken Heimatflotte eine zusätzliche Auslandsflotte vor, deren insgesamt vier Kampfgruppen zu je einem Schlachtkreuzer, Schwerem Kreuzer und Flugzeugträger sowie Zerstörern, U-Booten und Versorgungsschiffen in den Weltmeeren selbstständig operieren sollten. Ähnlich wie beim Heer legte dieser realitätsferne Plan die wirtschaftliche Denkweise der militärischen Führung offen, denn selbst bei einer – kaum zu realisierenden – Fertigstellung hätte man niemals eine Parität, mit der bis dahin ebenfalls ausgebauten alliierten Flotte erreichen können. Als Raeder den Z-Plan Hitler am 17. Januar 1939 vorlegte, konnte er sich mit der Priorität auf Panzerschiffe für die Kreuzerkriegsführung nicht durchsetzen, denn Hitler gab den Vorrang dem Neubau der sechs Schlachtschiffe der H-Klasse und befahl deren Fertigstellung bis 1944. Zwar entsprach der nun politisch vorangetriebene Schlachtschiffbau nicht dem Konzept einer Seekriegsführung gegen England, jedoch wähnte sich die Marine auf dem Weg zu einer Seemacht.

Wirtschaftliche Probleme
Wie die anderen zwei Teilstreitkräfte war auch die Marine dem Problem der Stahlknappheit unterworfen. Neben diesen Lieferschwierigkeiten gesellten sich auch organisatorische Probleme, die sich dahingehend äusserten, dass der Marine zwar nach der Konferenz Hitlers mit der Wehrmachtführung am 5. November 1937 eine Erhöhung der Monatsquote von 45'000 t Stahl auf 70'000 t zugesichert worden war, jedoch die Werften gar nicht in der Lage waren, diese Menge zu verarbeiten, denn im April 1938 lag die interne Lieferforderung nur bei 53'000 t. Noch schwieriger gestaltete sich die Arbeiterfrage, denn der Personalmangel Ende 1938 konnte nur durch im Juli angeordnete Dienstverpflichtungen einigermassen gedeckt werden, wodurch jedoch der erhöhte Arbeitskräftebedarf durch den Schlachtschiffneubau im Jahre 1939 gar nicht mehr zu kompensieren war. Daneben führten Wohnungsmangel für die Werftarbeiter, das Zulagewesen und die Dienstverpflichtungen zu einem schlechten Betriebsklima.

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091_63/Die Stahlverteilung ’39 zeigt das Missverhältnis zwischen Forderung der Wehrmacht und Zuteilung

Der gesamte Schiffbau verschleppte sich aufgrund der mangelnden Versorgung mit Stahl und Nichteisenmetallen sowie des spürbar werdenden Fachkräftemangels. Eine für Raeder angefertigte Aufstellung ergab, dass seit Baubeginn die Verzögerungen bei sämtlichen Schiffen durchschnittlich 12 Monate, in Extremfällen gar 22 Monate betrage, wenngleich enorme finanzielle Mittel in den Schiffbau investiert wurden:

Obwohl im Jahr 1939 im Vergleich zu 1932 mehr als das Zwölffache an Etatmitteln ausgegeben wurde, konnten die Werften die durch den Versailler Vertrag erzwungene Pause beim Schiffbau nicht ohne Weiteres kompensieren. Sie sahen sich mit den besonderen Problemen des Kriegsschiffbaus konfrontiert und mussten erst zeitraubende Erfahrungen sammeln. So benötigten beispielsweise die Deutsche Werke in Kiel von der Auftragserteilung bis zur Indienststellung für den Schweren Kreuzer Blücher knapp fünf Jahre, für den Leichten Kreuzer Karlsruhe dreieinhalb Jahre und selbst für einen Zerstörer 1934 fast drei Jahre. Als Extrembeispiel sei das Panzerschiff Deutschland aufgeführt, dessen Entwicklungsgeschichte von den ersten Konstruktionsentwürfen bis zur Indienststellung sich fast über ein Jahrzehnt verfolgen lässt.

Luftwaffe
Durch das Totalverbot der Luftwaffe konnte diese, im Gegensatz zu den anderen zwei Teilstreitkräften, nicht auf einen vorhandenen Personalkörper aufbauen, so dass die personelle Ausdehnung mit all ihren Nachteilen hier besonders stark zum Ausdruck kam. So musste schon 1935 die Offiziersausbildung von drei auf zwei Jahre reduziert werden. Im Laufe der Zeit fand eine derart immense Personalverstärkung statt, dass sich das Offizierskorps vom Zeitpunkt der Enttarnung im Jahre 1935 bis zum Kriegsbeginn verdreizehnfachte. Wenn man bedenkt, dass die Formierung eines homogenen Offizierskorps und die Einführung in die neue komplizierte Technik ein langwieriger Prozess ist und ein Grossteil des Korps aus ehemaligen und mit der neuen Materie nicht vertrauten Heeresoffizieren rekrutiert wurde, so wird man über die Qualität dieses Korps skeptisch urteilen müssen. Durch die immense personelle Vermehrung und die daraus resultierende hohe Personalfluktuation war eine Konsolidierung der Truppe ab 1935 nicht mehr möglich.

Auch die Flugzeugproduktion hatte enorme Steigerungsraten zu verzeichnen, wobei es im Jahr 1938 wegen Problemen in der Rohstoffversorgung zu einem Rückgang, der seit 1936 stagnierenden Gesamtproduktion kam. Das intensive Aufbautempo ist des Weiteren bei der rasanten Vermehrung der organisatorisch neu aufgestellten Staffeln zu sehen, wobei die besonders hohen Steigerungsraten durch das Teilen bestehender Verbände zustande gekommen sind:

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  • 1933: 3 Staffeln
  • 1934: 14 Staffeln
  • 1935: 49 Staffeln
  • 1936: 109 Staffeln
  • 1937: 214 Staffeln
  • 1938: 243 Staffeln (2'180 Frontflugzeuge)
  • 1939: 275 Staffeln (Sommer)

Hohe personelle Zuwachsraten hatte auch die Flakartillerie zu verzeichnen, welche von 11 Abteilungen zum Zeitpunkt der Enttarnung auf 60 Flak-Abteilungen mit 68'000 Mann zum Jahresende 1938 anwuchs. Bei der dritten Waffengattung, der Luftnachrichtentruppe, verhielt es sich mit der Vermehrung von sechs Kompanien auf 102 Kompanien mit 35'500 Mann im gleichen Zeitraum analog. Im August 1939 dienten 373'000 Mann in der Luftwaffe, welche sich in

  • 208'000 Mann Fliegertruppe (darunter 20'000 Mann fliegendes Personal)
  • 107'000 Mann Flakartillerie und
  • 58'000 Mann Luftnachrichtentruppe

gliederten. Durch die Mobilmachungsmassnahmen wurde hauptsächlich mittels Verdreifachung der Flak-Truppe, dessen benötigte Ausrüstung eingelagert war, die Gesamtpersonalstärke auf 677'000 Mann zu Kriegsbeginn angehoben.

Die Einsatzbereitschaft der rund 11'700 Mann umfassenden Frontbesatzungen war relativ hoch, obwohl nicht alle verfügbaren Flugzeuge bemannt werden konnten. Weiterhin wurde gegenüber den ersten Rüstungsprogrammen die Luftverteidigungskomponente beträchtlich erhöht, denn die 21 Flakregimenter mit ihren 2'600 schweren, 6'700 mittleren bzw. leichten Flakgeschützen und 3'000 Flakscheinwerfern verfügten mit 107'000 Mann fast über ein Drittel des aktiven Stammpersonals von 370'000 Mann. Des Weiteren konnte die Luftwaffe auf 133 Fliegerhorste, 49 Munitionsanstalten und 13 grosse Lufttanklager zurückgreifen.

Auswirkungen
Die massive Aufrüstung führte trotz Hitlers "Friedensreden" neben einer Verschärfung der internationalen Beziehungen zu einem Wandel der Mächtekonstellation, so dass im Falle einer Kriegseröffnung kaum Aussicht bestand, den Konflikt lokal begrenzen zu können. Für diesen Fall reichte der Rüstungsstand aber 1939 nicht aus. So entwickelte die massive Aufrüstung eine unkontrollierbare Eigendynamik und wurde selbst zu einem Risiko für das Reich. Für die Militärs gab es keine Alternative zur Aufrüstung, wie der Gedankengang der Wehrmachtführung, auf die wegen der intensiven Aufrüstung verschlechterte aussenpolitische Situation mit einer Rüstungsbeschleunigung zu reagieren, aufschlussreich zeigte.

Die 1936 vom Chef des Heeresamtes gestellte Frage, ob die Unterhaltung eines auf höchste Kriegsbereitschaft ausgelegten Heeres ökonomisch überhaupt tragbar sei, stellte sich alsbald nicht mehr, denn Hitler hatte seine Absicht verkündet, spätestens ab 1943 die Wehrmacht zum Kampf, um die Erweiterung des Lebensraumes einzusetzen. Gemäss dem vorgesehenen Blitzkriegs-Konzept, einen diplomatisch isolierten Feind mit begrenzten, aber gewaltigen Schlägen überfallartig zu besiegen, besass die Wehrmacht eine hohe Erstschlagskapazität. Durch die in Deutschland praktizierte Breitenrüstung gelang es, die Streitkräfte innerhalb einer kurzen Zeitspanne auf eine relativ hohe quantitative Stärke zu bringen, jedoch war durch das Fehlen einer Koordination der Rüstungsmassnahmen und das Beibehalten der Friedenswirtschaft – selbst nach Kriegsbeginn – die Leistungsfähigkeit der Rüstungsindustrie begrenzt, so dass eine Tiefenrüstung und der Aufbau von Nachschubreserven nicht realisiert werden konnte. Selbst von der eigenen militärischen Führung wurde die Wehrmacht im Sommer 1939 als nicht kriegsfähig bezeichnet. Im Verlauf, der immer länger währenden und in dieser Form nicht geplanten Ausweitung des Konfliktes sollte sich zeigen, dass die Wehrmacht für einen langen Weltkrieg nicht gerüstet war. Der unter grössten Anstrengungen in einigen Teilbereichen erreichte Rüstungsvorsprung schmolz aufgrund des Unterlassens einer wirtschaftlichen Totalmobilmachung schon nach kürzester Zeit dahin.

Bis heute gibt es unterschiedliche Rezeptionen über den Verlauf der Aufrüstung. Ältere Forschungen unterstützen die in den 1960er Jahren vom Wirtschaftshistoriker Alan S. Milward formulierte These der "Blitzkriegswirtschaft". Die Theorie erklärte den geringen wirtschaftlichen Mobilisierungsgrad mit einer angeblich genialen Wirtschaftspolitik Hitlers, in welcher die knappen Ressourcen durch geschickten Kräfteeinsatz innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen einen erfolgreichen Blitzkrieg gewährleisten sollten. Der durch die enormen investierten Mittel entstandene ökonomische Engpass sollte durch eine Art Flucht nach vorn in den Krieg überwunden werden. Durch die Ausbeutung der dabei eroberten Gebiete sollte der nächste kurze Feldzug ermöglicht werden. Der Krieg sollte sozusagen den Krieg nähren.

Nach Adam Tooze wäre sich Hitler und die NS-Führung vor ihrem Kriegsbeginn bewusst gewesen, dass die Rüstung der Wehrmacht für einen längeren Krieg nicht ausreichte und dass die Zeit angesichts des absehbaren Kriegseintritts der USA gegen sie arbeitete. Hitler hielt aber mit seiner Ideologie der jüdischen Weltverschwörung am Krieg fest. Durch einen Blitzkrieg sollte nach dem "Sieg im Westen" die UdSSR rasch niedergeworfen werden, was die militärische Lage zugunsten NS-Deutschlands stark verbessern sollte. Dieses Vorhaben scheiterte 1941 vor Moskau.

Andere Forscher gehen davon aus, dass die NS-Führung eine Ausrichtung auf einen langen Krieg und die totale Mobilmachung schon immer angestrebt hätten, an dieser Aufgabe aber aufgrund Ineffizienz und der ausbleibenden Einsicht, dass das wirtschaftliche Potential zu gering für einen grossen Weltkrieg war, scheiterte.

Skurille Erfindungen der Wehrmacht im Dritten Reich     
(Bernd Leitenbergers Web Site / (Wikipedia)

Der Krieg ist der Vater aller Dinge ... heisst es. Manchmal führt der Krieg auch zu sehr skurrilen Entwicklungen, vor allem wenn er für die Partei die sie macht nicht erfolgreich verläuft. Im zweiten Weltkrieg wurden einige Erfindungen gemacht, die später eine Rolle im Militär spielen sollten.

So brachte man in Deutschland den kurz vor dem Krieg entwickelten Hubschrauber und Düsenantrieb zur Serienreife, den Düsenantrieb auch zum Einsatz. Es wurde die Langstreckenrakete (A-4) entwickelt, das Cruise Missile (Fi-103), und die selektiv auf Warmblüter wirkende C-Waffen (Tabun, Sarin). In England wurden während des Kriegs einsatzfähige B-Waffen (Milzbranderreger) und in den USA die Atombombe entwickelt.

Doch es gab vor allem in Deutschland auch Erfindungen die skurril, oder auch ziemlich ineffizient waren. Die grosse Menge an ineffizienten und sinnlosen Projekten banden ungeheure Ressourcen, die für die eigentliche kriegswichtige Rüstung wichtig gewesen wären. Einige (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) werden in diesem Abschnitt vorgestellt. Fangen wir mal an mit einigen exotischen Flugzeugen.

V1 (Vergeltungswaffe 1)

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091_64/V1-Nachbau auf Startrampe (Imperial War Museum Duxford, England)

V1 war eine von Joseph Goebbels geprägte propagandistische Bezeichnung, Fieseler Fi 103 die militärische Bezeichnung anhand der Typenliste des Reichsluftfahrtministeriums. Anfangs offiziell Höllenhund genannt, einigte man sich auf Vorschlag von Hans - Schwarz van Berk am 17. Juni 1944 auf die Bezeichnung V-Waffe. Die vor allem Richtung Brüssel, Antwerpen und Lüttich von Rampen in der Eifel gestarteten V1 wurden wegen der vielen Frühabstürze von der dortigen Bevölkerung als Eifelschreck bezeichnet.

In Grossbritannien informierte der zuständige Staatssekretär das Parlament und die Öffentlichkeit und nannte die neue Waffe sowohl "pilotless aircraft" (führerloses Luftfahrzeug) als auch "missile" (Geschoss, Flugkörper). Die umgangssprachliche Bezeichnung für die V1 lautete wegen des charakteristischen knatternden Geräusches des Antriebs doodlebug oder buzz bomb.

Das Triebwerk war ein als "Schmidt-Rohr" bezeichnetes Verpuffungsstrahltriebwerk vom Typ As 014, das nach dem von Paul Schmidt erfundenen Prinzip des intermittierenden Pulso-Schubrohrs arbeitete. Es war sehr viel einfacher aufgebaut und damit deutlich billiger als die zu dieser Zeit bereits verfügbaren Turbojet-Triebwerke. Die geringere Lebensdauer und der schlechtere Wirkungsgrad waren bei einem Marschflugkörper akzeptabel.

Die Fi 103 startete von einer Startrampe, die nach ihrem Konstrukteur, dem Kieler Unternehmer Hellmuth Walter, Walter-Schleuder genannt wurde. Sie hatte eine Länge von 48 Metern und eine Höhe von bis zu 6 Metern. Am 9. Juli 1944 wurden erstmals Fi 103 von zweimotorigen He 111H-22 gestartet. Diese hingen zwischen dem Rumpf und dem rechten Motor und wurden in 500 m Höhe über der Nordsee ausgeklinkt. Die III. Gruppe des Kampfgeschwaders 3 führte dieses Verfahren von den niederländischen Basen Venlo und Gilze-Rijen aus durch. Später flog auch das Kampfgeschwader 53 regelmässig von norddeutschen Basen diese Einsätze. Am 5. Januar 1945 flog es den letzten V1-Einsatz auf London.

Das Reichenberg-Gerät

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091_65/Fieseler Fi 103 (V1), Reichenberg-Gerät, Standort Schweizerisches Militärmuseum Full

Reichenberg war die Tarnbezeichnung für eine bemannte Fieseler Fi 103-Version, die im Zuge dieser Entwicklung im Zweiten Weltkrieg gebaut wurde. Sie wurde auch als V4 bezeichnet und war eine als Kamikaze-Waffe modifizierte V1 (siehe auch: deutsches Militärprojekt "Selbstopfer"). Auch die Japaner griffen dieses Prinzip auf und stellten die Yokosuka MXY-7 her. Das Reichenberg-Gerät mit der RLM-Nummer Fieseler Fi 103 (von der Propaganda auch V1 genannt), war ein Versuchsflugzeug zur Erprobung der Tauglichkeit der Konstruktion und der Aerodynamik. Die Maschine wurde anstelle der automatischen Flugsteuerung mit einer Pilotenkabine sowie einer manuellen Flugsteuerung mit Querrudern umgerüstet. Sie wurde zu Schulungszwecken auch in einer doppelsitzigen Version gebaut und benutzt. Die Trainingsversionen verfügten über eine Landekufe ähnlich der Me 163 Insgesamt wurden rund 175 modifizierte V1 hergestellt, die meisten bei der Luftmunitionsanstalt Neu Tramm.

Es gab Vorbereitungen, das Reichenberg-Gerät als Kamikaze-Waffe zu benutzen. Dazu wurde die Militäroperation Selbstopfer ins Leben gerufen. Die Selbstaufopferungspiloten wurden dem Kampfgeschwader 200 unterstellt. Diese Organisation kam jedoch nach der Intervention des Geschwaderkommandeurs Werner Baumbach bei Hitler nicht mehr zum Einsatz. Zum angeblich geplanten Einsatz gegen die alliierten Bomberverbände kam es nie – die hätte die Maschine aufgrund mangelnder Flugleistungen nie gefährden können.

Eines der wenigen erhaltenen Exemplare ist im Museum La Coupole in Helfaut-Wizernes, Département Pas-de-Calais in Nordfrankreich, als Leihgabe der Stadt Antwerpen ausgestellt. Ein weiteres Exemplar befindet sich seit 2015 im Schweizerischen Militärmuseum Full.

V2 (A4)

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091_66/Vergeltungswaffe 2 (Aggregat4)

Aggregat 4 (A4) war die Typenbezeichnung der im Jahr 1942 weltweit ersten funktionsfähigen Grossrakete mit Flüssigkeitstriebwerk. Sie war als ballistische Artillerie-Rakete grosser Reichweite konzipiert und das erste von Menschen konstruierte Objekt, das die Grenze zum Weltraum – nach Definition der Fédération Aéronautique Internationale 100 Kilometer Höhe – am 20. Juni 1944 durchstiess. Die A4 bildete ab Mitte 1945 die Ausgangsbasis der Raumfahrtentwicklungen der USA und der Sowjetunion.

Die Boden-Boden-Rakete A4 wurde im Deutschen Reich in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde (HVA) auf Usedom ab 1939 unter der Leitung von Wernher von Braun entwickelt und kam im Zweiten Weltkrieg ab 1944 in grosser Zahl zum Einsatz. Neben der Flugzeug ähnlichen Fieseler Fi 103, genanntV1, bezeichnete die NS-Propaganda auch die Rakete A4 als kriegsentscheidende "Wunderwaffe".

Im August 1944 wurde sie von Propagandaminister Joseph Goebbels erstmals intern und im Oktober 1944 öffentlich zur Vergeltungswaffe 2, kurz V2, erklärt.289 Die Starteinheiten von Wehrmacht und SS nannten sie schlicht "Das Gerät".

Die A4-Rakete war 14 Meter hoch und hatte vollgetankt eine Startmasse von 13,5 Tonnen. Die einstufige Rakete bestand aus etwa 20.000 Einzelteilen. Der Rumpf bestand aus Spanten und Stringern, die mit dünnem Stahlblech beplankt waren. Die Technik bestand aus vier Baugruppen:

  • Spitze mit Gefechtskopf und Aufschlagzünder
  • Geräteteil mit Batterien und Kreiselsteuerung
  • Mittelteil mit Tanks für Ethanol und Flüssigsauerstoff
  • Heckteil mit Schubgerüst, Druckflaschen mit Stickstoff, Dampferzeuger, Turbopumpe, Brennkammer ("Ofen"), Schubdüse, Strahlruder und Luftruder.

Die etwa 738 kg Sprengstoff einer Amatol-Mischung waren in der Raketenspitze untergebracht. Da sich diese während des Flugs durch Kompressionswärme an der Aussenhaut der Verkleidung aufheizte, konnten nur Sprengstoffmischungen verwendet werden, deren Zündtemperatur über 200 °C lag.

Für die Stabilisierung und Steuerung sorgte das Leitwerk mit den Luftrudern, welche aber erst bei höherer Geschwindigkeit wirkten. Kurz nach dem Start waren die direkt im Gasstrom liegenden vier Strahlruder aus Graphit für die Stabilisierung zuständig. Alle Ruder wurden von Servomotoren bewegt.

Als einer der ersten Flugkörper war die A4 mit einem für die damalige Zeit sehr fortschrittlichen Trägheitsnavigationssystem ausgestattet, das mit zwei Kreiselinstrumenten (Gyroskopen) selbsttätig den eingestellten Kurs hielt. Die elektrische Energie für Kurssteuerung und Ruderanlage wurde den beiden Bordbatterien entnommen, die aus dem Werk Hagen der Accumulatoren Fabrik AG (AFA) stammten. Die Batterien waren unterhalb des Sprengkopfes im Geräteraum eingebaut, wo sich auch das sogenannte "Mischgerät" befand, ein elektronischer Analogrechner, der die von den Gyroskopen registrierten Abweichungen von Quer- und Seitenachse auswertete und zur Kurskorrektur die Servomotoren der Strahl- und Luftruder ansteuerte. Um eine bessere Zielgenauigkeit zu erreichen, wurde in mehreren Versuchsraketen auch eine Funksteuerung erprobt, die aber im späteren Einsatz wegen möglicher Störungen von Seiten des Feindes nicht verwendet wurde.

Die beim Start eingestellte Zeitschaltuhr sorgte dafür, dass der Neigungswinkel der Kreiselplattform nach drei Sekunden Brennzeit so verändert wurde, dass die Rakete aus der Senkrechten in eine geneigte Flugbahn überging. Durch ein Integrationsgerät (J-Gerät), das aufgrund der summierten Beschleunigung die aktuelle Geschwindigkeit berechnete, wurde bei der richtigen Geschwindigkeit das Triebwerk abgeschaltet, um damit die Reichweite zu steuern. Dazu wurde am J-Gerät ein Wert eingestellt, der einer Schuss-Tafel entnommen werden konnte. Der Neigungswinkel war bei jedem Schuss gleich. Vor dem Start musste die Rakete auf ihrem Starttisch exakt senkrecht gestellt und so gedreht werden, dass eine besonders markierte Flosse in Zielrichtung zeigte.

Die Do 335

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091_67/Dornier Do 335

Die Dornier 335 war ein Jäger mit Kolbenmotor, der Standardtechnologie des zweiten Weltkriegs. Das Besondere: Neben dem bei allen anderen Flugzeugen eingesetzten Zugpropellers hatte das Flugzeug noch einen Druckpropeller am Heck. Der Vorteil war, dass der Luftwiderstand so nicht viel grösser war als bei einem einmotorigen Flugzeug. Die schnell rotierenden Propellerblätter erzeugten einen guten Teil des Luftwiderstandes und eine zweimotorige Maschine hatte üblicherweise zwei Motoren an den Tragflächen, die dadurch eine Verlängerung der Tragflächen (und damit mehr Gewicht und mehr Luftwiederstand) nötig machten.

Zweimotorige Jagdflugzeuge wie die englische Moskito, die deutsche Me 110 oder die amerikanische P-38 waren daher langsamer als einmotorige Maschinen und auch nicht so wendig. Die meisten wurden im zweiten Weltkrieg nur zur Bekämpfung von Bombern, die noch langsamer und schwerer manövrierbar waren oder zur Erdkampfunterstützung eingesetzt. Die Do 335 erreichte je nach Muster eine Geschwindigkeit von 735 bis 775 km/h, das waren 50 bis 100 km/h mehr als die alliierten Jäger. Abweichend von den anderen Mustern war auch das Seitenleitwerk. Es war, wenn es in einfacher Ausfertigung vorlag meistens nur nach oben gezogen. Die Do 335 hatte zwei gleich grosse die nach oben und unten ragten, sodass Höhen und Seitenleitwerk am Heck ein Kreuz bildeten wie man es von einigen Raketen oder der A-4 kennt.

Offen ist ob das Muster ein gutes Jagdflugzeug gewesen wäre. Es gab Berichte, die von Mängeln sprachen, aber diese mögen auch der schnellen Entwicklung und dem Materialmangel geschuldet sein. Die gebauten Exemplare hatten in jedem Falle einen Mangel: Vom Cockpit aus konnte man nicht nach hinten sehen, da es vorne am Rumpf war. Das war für ein Jagdflugzeug ein grosses Manko. Projektiert war auch die Dornier 635, die aus zwei Rümpfen der Do 335 bestand und als Fernaufklärer gedacht war.

Die Me 163

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091_68/Der erste eingesetzte Raketenjäger (Me 163)

Deutschland entwickelte die A-4, die erste Grossrakete der Welt, sie war aber nicht das einzige Raketenprojekt. Neben den unbemannten Raketen wurden auch Raketenflugzeuge gebaut. Eines wurde operational, die Me-163, das "Kraftei". Ein Flugzeug auf Basis eines Raketenantriebs zu bauen ist keine sehr gute Idee. Der Antrieb ist für den Betrieb ausserhalb der Erdatmosphäre gedacht und in der Atmosphäre ineffizient. Ein Düsentriebwerk funktioniert auch nach dem Rückstossprinzip, ist jedoch um einiges effizienter. Der erste Unterschied ist, das ein Düsentriebwerk den Sauerstoff aus der Luft bezieht mit dem das Flugbenzin verbrennt wird. Dagegen muss ein Raketenantrieb den Sauerstoffträger mitführen. Im dritten Reich setzte man für den Antrieb der Me-163 hochkonzentriertes Wasserstoffperoxid (T-Stoff) und Hydrazinhydrat/Methanol (C-Stoff) ein. Da das Wasserstoffperoxid auch Wasser enthält, benötigte man davon sehr grosse Mengen. Nur ein Fünftel der Treibstoffzuladung war Verbrennungsträger. Zudem erhitzt ein Düsenantrieb auch den Stickstoff der Luft mit, der dann auch Schub erzeugt. Alles zusammen bewirkt das ein Raketenflugzeug etwa zwanzigmal mehr Treibstoff pro Sekunde braucht wie ein Düsenflugzeug (bei gleichem Schub). Dafür hat ein Raketenantrieb bezogen auf sein Gewicht einen enormen Schub. Er erlaubt es sehr schnell aufzusteigen und hohe Geschwindigkeiten zu erreichen.

Die Flugdauer der Me-163 lag daher unter 8 Minuten, obwohl sie beim Start das Gewicht mehr als 50% aus Treibstoff bestand. Zudem ist der Treibstoff selbstentzündlich, wurden die Tanks durch Beschuss beschädigt so dürfte die Maschine explodiert sein. Daneben war die Raketentechnologie damals noch am Anfang. Es war noch nicht sehr zuverlässig und es gab zahlreiche Unfälle beim Einsatz. Trotzdem kam es zu diesem Entscheid und 350 Maschinen wurden gebaut.

Warum baute man die Maschine? Nun durch den hohen Schub bei geringem Gewicht (sie wog leer 1'900 kg, die Focke Wulf 190A als leistungsfähigster konventioneller Abfangjäger wog leer 3'850 kg hatte die Me-163 eine enorm hohe Steiggeschwindigkeit die zehnmal höher als die einer Mustang war. Die Me 163 war auch schnell, die Serienflugzeuge waren 250 km/h schneller als die schnellsten alliierten Kolbenjäger. Ein Testmuster erreichte fast Schallgeschwindigkeit. Doch wie beim ersten operationalen Düsenjäger, der Me-262, die 80 km/h langsamer war, war dies nicht von Vorteil, denn alliierte Bomber waren fast 500 km/h langsamer. Es war sehr schwierig bei dieser hohen Relativgeschwindigkeit einen Treffer zu landen. Man versuchte dies mit den ersten Luft-Luftraketen zu kompensieren, die Schrapnellsprengköpfe hatten. Später setzte man ein im Schub reduzierbares Triebwerk ein, das auch die Flugdauer verlängerte. Das war auch sinnvoll, denn die Masse nahm ja durch den verbrauchten Treibstoff ab. Ohne Schubreduzierung wurde die Maschine also immer schneller. Es gibt unbestätigte Berichte, das eine Me-163 sogar die Schallgrenze erreicht haben soll, da Piloten bei hohen Geschwindigkeiten von starkem Rütteln berichteten, dass dann bei höheren Geschwindigkeiten abrupt aufhört - ein typischer Effekt, wenn die Schallmauer durchbrochen wird. Es gibt aber auch Zweifel an diesen Berichten. Durch Messungen belegt ist eine Maximalgeschwindigkeit von 1'130 km/h die am 6.7.1944 erreicht wurde. Bei einer Aussentemperatur von 20 °C beträgt die Schallgeschwindigkeit aber 1235 km/h

Die Me-163 war mehr ein Indiz, dass man den alliierten Luftflotten nicht mehr beikommen konnte, man erhoffte sich wohl durch den schnellen Start und das schnelle Erreichen der Bomber, dass ein Abschuss gelang, bevor die Begleitjäger eingreifen konnten. Mehr als einen Anflug lies meist die Betriebszeit von nur 8 Minuten nicht zu und danach musste die Me-163 im Gleitflug landen und war ohne Eigenantrieb sehr verwundbar. Die Me-163 war aber auch sonst ungewöhnlich. Sie hatte als eines der ersten Flugzeuge gepfeilte Tragflächen, eine spitze Nase und kein Höhenleitwerk. Sie ähnelt eher einem modernen Düsenjäger als einem Flugzeug aus dem zweiten Weltkrieg.

Bachem BA-349

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091_69/Bachem BA-349

Noch skurriler war ein zweiter Raketenjäger, der anders als die Me 163 nicht mehr zum Einsatz kam. Die Bachem Natter oder Ba-349. Er war ein Produkt der Materialknappheit zum Kriegsende und auch dem Fehlen von ausgebildeten Piloten, von denen die meisten gefallen waren. Es sollte ein Jäger sein, der aus nicht kriegswichtigen Materialien bestand und von nur kurz ausgebildeten Piloten geflogen werden konnte. Er war nicht der einzige, die Heinkel 162, ein Düsenjäger hatte dieselbe Philosophie.

Die Bachem Natter bestand aus Sperrholz. Sie hatte nur kurze Stummelflügel, weil der Antrieb durch den Raketenantrieb erfolgte, dafür einen dicken Rumpf. In diesem befanden sich vorne die Raketen, die man auf die Bomber abschiessen sollte. Sie war nicht gedacht Bomberflotten anzugreifen, die auf dem Weg zu Ziel waren wie die meisten Jäger, sondern nur als Objektschutz gedacht, das waren damals meistens Flugabwehrgeschütze, über den Städten oder Fabriken griffen in der Regel wegen des Flakbeschusses deutsche Jäger nicht an. Eine sehr hohe Reichweite braucht man nicht, auch musste man nicht viel in der Atmosphäre manövrieren. So wurde die Bachem Natter senkrecht gestartet, von einer Startrampe aus. Zehn Feststofftriebwerke, die nach dem Ausbrennen abgeworfen wurden beschleunigten die Natter in 10 Sekunden auf Höchstgeschwindigkeit. Bei einer Steigrate von anfangs 37 m/s, zum Ende 200 m/s erreichte die Maschine sehr schnell die gegnerischen Bomber. Das Haupttriebwerk, dasselbe wie in der Me-163 hatte durch nur 40% der Treibstoffmenge der Me-163 eine noch kürzere Flugzeit. Bei reduziertem Schub betrug sie maximal viereinhalb Minuten, bei vollem Schub nur zwei Minuten. Daher verwandte sie einen Analogrechner, der sie zu ihren Zielen führen sollte. Erst im Endanflug sollte der Pilot die Maschine steuern. eine Bordkanone gab es nicht. Angesichts der hohen Relativgeschwindigkeit wäre sie wirkungslos gewesen. Stattdessen feuerte sie eine Salve umgelenkter Raketen auf die Bomber ab. Danach stieg der Pilot mit dem Fallschirm aus, da ohne Treibstoffe und ohne Raketen das Flugzeug mit den Stummelflügeln kaum lenkbar war. Das Öffnen der Cockpithaube bewirkte auch das Öffnen eines Fallschirms am Heck, wodurch man den Antrieb und den Rumpf bergen konnte. Die Reichweite der Natter betrug maximal 40 km. Es gab nur einen bemannten Testflug einer Natter mit Raketentriebwerken und der endete tödlich.

Die beiden Flugzeuge, Me 163 und Bachem BA-349 beruhten auf dem Konzept des "Objektjägers". Sie sollten bei einem strategisch wichtigen Punkt stationiert sein und wenn die gegnerischen Flugzeuge sich nähern schnell aufstiegen, einen Bomber abschiessen (für einen zweiten Anflug gab es schon nicht mehr genug Treibstoff) und dann schnell landen bzw. bei der Natter sollte nur der Antrieb geborgen werden.

Immerhin: die USA griffen das Konzept mit der X-15 wieder auf, mit der dann etliche Geschwindigkeits- und Höhenrekorde aufgestellt wurden. Ein Pilot einer X-15 war dann der erste Mensch auf dem Mond. Zumindest einen Vorteil hatte es: die Me-163 Entwicklung mündete in die Entwicklung der Luftabwehrrakete "Enzian", die eine verkleinerte von einem Analogrechner gesteuerte Me-163 war, sie hätte mit einem Sprengkopf sich in der Nähe der Bomber gesprengt und durch Schrapnellwirkung diese beschädigt. Sie wurde nicht mehr bis Kriegsende fertiggestellt, doch die Konstrukteure fanden nach dem Krieg Anstellung in England. Dort bauten sie verbesserte Versionen des Antriebs der Me-163 und Natter in Höhenforschungsraketen ein, nicht mal der ineffiziente Treibstoff Wasserstoffperoxid wurde ausgetauscht. Zwanzig Jahre später bauten sie für England die Antriebe der Black Arrow -.der einzigen Trägerrakete die jemals Wasserstoffperoxid einsetzte. Da man den Schub kaum gesteigert hatte, brauchte diese relativ kleine Rakete nicht weniger als acht Antriebe in der ersten und zwei in der zweiten Stufe.

Blohm & Voss BV 141

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091_70/Blohm & Voss BV 141

Noch ungewöhnlicher sah die BV-141 aus, ein Fernaufklärer für die Marine. Da für ein Aufklärungsflugzeug eine sehr gute Rundumsicht wichtig ist, stellte man gängige Konstruktionsprinzipien auf den Kopf. Im Rumpf war ein Motor untergebracht, die Kanzel lag nicht im Rumpf, sondern in einem zweiten Körper in einer Tragfläche, dort wo bei zweimotorigen Flugzeugen der Motor war. Doch es gab nur einen dieser Rümpfe. auf der anderen Seite gab es keinen. Um die Asymmetrie komplett zu machen gab es auch nur auf der gegenüberliegenden Seite ein Höhenleitwerk.

Die Kabine konnte so vorne rundum verglast werden, und ohne Motor gab es auch nichts was den Blick einschränkte - Zweck erfüllt, doch woanders erreichten Aufklärer dies einfacher z.B. durch verglaste Gondeln unter dem Rumpf oder zwei Aussichtplattformen vorne und am Heck. Erstaunlicherweise beeinträchtigte die Bauweise die Flugeigenschaften kaum. Die Maschine war zwar nicht schnell, aber schneller als die verfügbaren Vorkriegsmuster wie die BV-138. Es ging aber nie in Serienfertigung.

Fritz X

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091_71/Lenkbombe Fritz X

Fritz X war der gebräuchlichste Name einer ferngelenkten Fallbombe, die im Zweiten Weltkrieg unter Federführung von Max Kramer von der deutschen Firma Ruhrstahl entwickelt wurde. Die Waffe wurde nach Sicht manuell mit einer Funkfernsteuerung ins Ziel geführt (heute als MCLOS bezeichnet) und war für den Einsatz gegen Schiffsziele konzipiert, kam aber auch gegen Landziele zum Einsatz. Die Fritz X war die erste in Serienproduktion hergestellte Lenkbombe der Welt und gilt somit als einer der Vorgänger heutiger Seezielflugkörper bzw. präzisionsgelenkter Munition. Die Fritz X wurde auf Basis der Panzersprengbombe PC 1400 (Panzerbombe, Zylindrisch, 1400 kg) entwickelt. Diese war mit ihrer Dickwandigkeit speziell für gepanzerte Kriegsschiffe zum Durchschlagen bis zu 20 cm starker Panzerplatten entwickelt worden. Sie bekam nun eine aerodynamisch günstiger gestaltete Spitze, vier Stummelflügel mit einer Spannweite von 1,40 m und ein kastenförmiges Leitwerk. Am Heck waren innerhalb des Leitwerks fünf Leuchtsätze angebracht, die als Hilfsmittel bei der Zielansteuerung dienten. Die Farbe der Leuchtsätze war wählbar, damit die Bombenschützen die in der Luft befindlichen Fritz X unterscheiden konnten. Zudem waren für Dämmerungseinsätze schwächer leuchtende Leuchtsätze vorgesehen. Eine Kreiselsteuerung diente zur Stabilisierung der Längsachse und ein Fernlenkempfänger zur Ansteuerung der Höhen- und Querruder. Über eine Funkfernsteuerung mit 18 Kanälen im Frequenzbereich um 50 MHz, bestehend aus dem Sender FuG 203 (Deckname "Kehl"; an Bord des Flugzeugs) und dem Empfänger FuG 230 "Strassburg" (im Flugkörper), wurde der Flugkörper vom Trägerflugzeug aus ins Ziel gelenkt. Dabei sendete man zur Täuschung der gegnerischen Seite auch auf nicht benutzten Frequenzen. Als Alternative zur Funksteuerung wurde eine Drahtlenkung (je zwei 8-km-Drahtspulen in Flugzeug und Lenkbombe) entwickelt, um bei gegnerischer Funkstörung einsatzbereit zu sein. Wirksame Funkstörung wurde jedoch nicht beobachtet.

Eine andere Zielführung, die nur bis zur Erprobung kam, war das System "Radieschen", mit dem die Fritz X eigenständig Sendeeinrichtungen wie britische "Chain Home"-Radarstationen ansteuern sollte. Auch wurde die "FB"(Fernsehbild)-Steuerung (auch "Tonne"/"Seedorf" genannt) entwickelt, mit der das Bild einer Kamera ("Tonne") in der Fritz X per Funk zum "Seedorf"-Fernsehempfänger im Flugzeug übertragen wurde, um so eine Zielführung zu ermöglichen.

 Geschütze

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091_72/28 cm Kanone Leopold

Nicht nur in der Luft gab es skurrile Erfindungen, sondern auch an Land. Fangen wir an mit Geschützen. An und für sich gab es bei Geschützen seit dem ersten Weltkrieg (bis heute) zumindest was Kaliber angeht, nicht mehr viel zu verbessern. Für Geschütze an Land gibt es Grenzen für die Grösse und damit auch die Masse, die gezogen werden, durch die Forderung, dass die Geschütze transportiert werden müssen, entweder gezogen oder in ein Panzerfahrwerk eingebaut.

Daneben muss man die Granaten transportieren und ins Rohr einbringen können. Bis heute ist das grösste Standardkaliber bei landgestützten Geschützen 150 bis 155 mm. Eine Granate wiegt dann schon 45 bis 50 kg und muss von zwei Mann getragen werden. Das Geschütz selbst wiegt 8 t und nur sehr leistungsstarke Zugmaschinen können es bewegen.

Grössere Kaliber haben eine geringe Mobilität und wegen der schweren Granaten eine geringe Feuerrate. Zudem verschleissen die Rohe umso schneller, je höher das Kaliber ist. Daher war der allgemeine Trend nach dem ersten Weltkrieg keine grösseren Geschütze zu bauen, dafür Reichweite, Treffgenauigkeit und Feuerrate zu steigern. Bei Schiffen gab es die Einschränkungen nicht. Hier stand mit dem Schiffsmotor eine Antriebsquelle zur Verfügung, um Granaten bis zu 1 t Gewicht zu bewegen und so wuchsen zwischen den Kriegen die Kaliber weiter an. An Land gab es nur eine Ausnahme und das waren Eisenbahngeschütze. Sie waren trotz grossen Kalibers noch bedingt transportabel, da sich das Gewicht auf die gesamte Zuglänge verteilte, doch passten sie nicht in die Strategie des mobilen Kriegs, des Blitzkriegs. Sie mussten erst zum Ort gefahren werden, dort musste das Gleisbett vorbereitet werden und meistens Drehscheiben angelegt werden und auch das Beladen der Geschütze dauerte lange. Es gab während des zweiten Weltkriegs kaum Stellungskriege und nur selten wurden Befestigungen "belagert" für die sich grosskalibrige Geschütze lohnten, denn nur um Schützengäben zu befeuern braucht man keine Kaliber über 200 mm Durchmesser. Grosse Geschütze waren zudem teuer im Unterhalt. Machte die kurze Lebensdauer von Rohren bei grossen Kalibern von etwa 100 Schuss bei Schiffen nicht so viel, aus, zerstörte doch ein Volltreffer ein Handels- oder Kriegsschiff mit hohem Wert, so feuerte man nun auf befestigte Stellungen.

Trotzdem fertigte Deutschland im zweiten Weltkrieg die grössten jemals gebauten Geschütze, noch grösser als die grössten Schiffsgeschützte mit Kaliber 456 mm. Deutschland baute drei 38 cm Eisenbahngeschütze indem sie die Geschütze der 38 cm Klasse der Schlachtschiffe Tirpitz und Bismarck an Land einsetzten. Diese als "Siegfried" bekannte Kanone wog 294 t, soviel wie 10 bis 20 Panzer, schoss 450 und 800 kg schwere Granaten 55 bzw. 42 km weit. Seltsamerweise baute die Kriegsmarine keine weiteren Schlachtschiffe und verzichtete auch auf die Aufrüstung der Scharnhorst und Gneisenau auf das 38 cm Kaliber.

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091_73/38-cm Eisenbahngeschütz Siegfried

Dazu gab auch noch kleinere Eisenbahngeschütze wie die 28 cm Kanone Leopold (255 kg schwere Granaten die über 62,4 km (mit Raketenzusatzantrieb 86,5 km) erreichten. 25 dieser Geschütze wurden eingesetzt, anders als die 38 cm Riesen auch regelmässig. Einige wurden dann zum Start der bei der V3 eingesetzten Röchlin Speere "Peenemünder Pfeilgeschoss" umgerüstet, da diese eigentlich für ein kleine res Kaliber vorgesehen waren und so nicht mal halb so schwer waren erreichte man eine höhere Endgeschwindigkeit von 1420 m/s und damit eine Reichweite von 160 km. Viel grössere Geschütze scheinen auch für Schienen nicht geeignet zu sein. So hatte die Wehrmacht zwar noch die Mörser Karl mit einem 54 bzw. 60 cm Kaliber im Einsatz, doch aufgrund des kurzen Rohres, der niedrigen Geschwindigkeit der Granate und dadurch der leichten Granate war diese Kanone mit 124 t noch leichter als die Siegfried-Schiffskanonen. Sie konnten von einer mobilen Selbstfahrlafette verschoben werden. Trotzdem baute Deutschland ein Geschützmonster mit dem enormen Kaliber 800 mm. Zwei Geschütze, "Gustav" und "Dora wurden gefertigt.

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091_74/Geschütz Karl

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091_75/Geschütz Dora bei der Vorführung für Adolf Hitler

Sie waren aber nicht mehr uneingeschränkt transportabel. Das Geschütz musste zerlegt und mit fünf Eisenbahnzügen transportiert werden, am Zielort wurde es wieder zusammengebaut, wofür man weitere drei bis vier Bauzüge brauchte. Weiterhin mussten Gleisstrecken verstärkt und eine Drehstrecke verlegt werden. Das gesamte Geschütz wog 1'350 t, 2'000 Personen brauchte man für den Aufbau. Zusammen mit unterstützenden Truppen (Flak) und der Geschützbesatzung braucht man 4'500 Mann, nur um ein einziges Geschütz einzusetzen. Es kam nur zu einem der Dora Einsatz bei der Belagerung von Sewastopol, bei dem das Geschütz an 5 Tagen 48 Granaten abfeuerte, also nur rund 10 Schuss pro Tag. Die Treibladung von 1'850 kg Gewicht bewirkte eine starke Reduktion der Treffgenauigkeit schon nach dem 15-ten Schuss (projektierte Lebensdauer des 400 t schweren Rohrs: 100 Schuss). 10 Einschläge lagen näher als 60 m vom Ziel, der entfernteste 740 m entfernt. Eine Granate riss einen 32 m tiefen Krater in den Boden, konnte 10 m Beton, 7 m Stahlbeton und 1 m Stahl durschlagen. Die Reichweite betrug je nach Treibladung zwischen 28 und 47 km bei Granaten die 4,8 bis 7,1 t wogen, also so viel wie ein Spähpanzer. Es gab noch weitere Pläne für Geschütze mit kleinerem Kaliber wodurch man längere Rohre einsetzen konnten und Reichweiten bis zu 100 km erreichte, um England zu beschiessen, doch dazu kam es nicht mehr: Lancaster Bomber zerstörten die Bunker, die dafür gebaut wurden und beweisen, dass man mehrere Meter Beton auch mit Bomben durchschlagen konnte und nicht ein riesiges Geschütz dafür brauchte.

V3 oder "fleissiges Lieschen"

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091_76/Zeichnung der fast fertig gestellte Anlage in Mimoyecques

Die skurrilsten Geschütze waren wohl die V3, die auch verschiedene andere Namen hatte wie "fleissiges Lieschen" oder "Englandkanone". Es waren stationäre Geschütze nach dem Prinzip der Mehrkammerkanone. Bei einem herkömmlichen Geschütz wird eine Treibladung gezündet, die sich am Boden der Granate befindet. Sie beschleunigt das Geschoss. Je länger das Rohr ist, und je höher die Treibladung, desto höher die Endgeschwindigkeit und damit auch die Reichweite. Bei den deutschen Panzern gab es z.b. anfangs im

Panzer IV die Kanone 7,5 cm L/24 mit einer Mündungsgeschwindigkeit von 385 m/s und der Panther eine mit demselben Kaliber aber einem längeren Rohr (L/77)und einer Mündungsgeschwindigkeit von 700 bis 1'120 m/s je nach Granatentyp. Weiterhin ist die Reichweite von dem Kaliber abhängig, da der Luftwiederstand nur von der Oberfläche, die Reduktion der Geschwindigkeit aber von der Gesamtmasse abhängt. So erreichen Schiffsgeschütze mit Mündungsgeschwindigkeit von rund 800 m/s nicht höhere Geschwindigkeiten als Feldartillerie, doch die grösseren Granaten werden viel weniger abgebremst und fliegen weiter.

Ein Mehrkammergeschützt hat nun neben dem Hauptrohr weitere Kammern, mit weiteren Treibladungen, die nach der Hauptreibladung in kurzem Abstand gezündet werden. Sie erhöhen die Treibgasmenge. Diese Vorgehensweise erhöht nicht nur die Geschwindigkeit, sondern verringert auch den Verschleiss: schliesslich wird im Rohr Sprengstoff gezündet. Hat man davon viel (um eine höhere Geschwindigkeit zu erreichen), so dehnt er mit der Zeit das Rohr, die Treffgenauigkeit nimmt ab. Beim Zünden nach der Haupttreibladung ist das Manko geringer, denn die Granate hat schon ein Stück des Wegs zurückgelegt, die erste Treibladung hat sich ausgedehnt und bringt nur noch wenig Schub auf, richtet aber auch weniger Schaden an. In der Summe ist es so, dass zehn kleine Ladungen effektiver sind als eine grosse.

Die V3 sollte eine Endgeschwindigkeit von 1500 m/s. erreichen. Ohne den Luftwiederstand wäre eine Granate dann 162 km weit geflogen, mit Luftwiderstand basierend auf Erfahrungswerten wahrscheinlich etwa 120 km weit. Das Kaliber war mit 15 cm relativ klein und entsprach dem grösseren Standardgeschütz der Artillerie, dem schweren Feldgeschütz 18. Dafür war das Rohr mit 58 m extrem lang. Es kamen spezielle "Röchlin-Speere" mit ausfaltbaren Stabsilierungsfinnen von 140 kg Gewicht (geplant) zum Einsatz. Das war für eine 150 mm Granate relativ schwer. Eventuell ist dies auch die Ursache, dass die Zielgeschwindigkeit nicht erreicht wurde. Die Granaten wurden auf maximal 1'100 m/s beschleunigt, was die Reichweite auf die Hälfte, rund 60 km verkürzte. Dazu trug aber auch die Reduktion der Rohrlänge von 130 auf 58 m bei. Die Granaten wogen auch nur noch 97 kg, davon 25 kg Sprengstoff, der beim Aufprall detonierte. Es waren die Kanonen extrem unbeweglich und gaben nur drei Schuss pro Tag ab. Zwei Stück wurden während der Ardennenoffensive eingesetzt, waren aber aufgrund der grossen Streuung von 4 km militärisch wirkungslos. Das ist das Grundproblem jeder Fernwaffe, die keine aktive Steuerung zur Kompensation der Abweichung hat, auch die A-4 hatte eine sehr hohe Streuung. Eine Abweichung von 3% in der Geschwindigkeit führt bei 60 km Reichweite schon zur Steuerung über 4 km. Auch für diese Kanonen wurde enorm viel investiert, ohne, dass sie einen militärischen Nutzen hatten. Eine dritte Anlage wurde vor der Fertigstellung durch britische Bombenangriffe zerstört.

38 cm Mörser

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091_77/38 cm Mörser auf einem Tiger Chassis

Gelernt hat man aus dem Fiasko mit Supergeschützen nichts, denn zum Ende des Krieges wurden einige Tiger Panzer umgebaut: Anstatt der normalen 8,8 cm Kanone erhielten diese einen 38 cm Mörser! (Bild links) Das ging, weil die Lauflänge nur 200 cm betrug, bei einer echten Kanone wären es 16 m gewesen und das Gewicht viel zu hoch. Obwohl der Turm entfiel waren die Sturmtiger mit 65 t nicht leichter als die normalen Tiger - kein Wunder jede der 15 Granaten wog 345 kg und war 149 cm lang.

Davon entfielen 250 kg auf den Treibsatz, der erst nach Verlassen des Rohrs einen Feststoffantrieb zündete, um die Granate von 45 auf 200 m/s zu beschleunigen, anders wäre der Abschuss in dem Panzer nicht möglich gewesen. Gedacht waren die Sturmtiger für den Häuserkampf auf kurze Entfernung und der Forderung steil zu schiessen (die Reichweite betrug maximal 5,6 km). Sie sollen auch eingesetzt worden sein, z.B. bei der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto, sie waren aber logistische Monstren und von geringem Nutzen.

Deutschland produzierte auch die schwersten Kampfpanzer des zweiten Weltkriegs. Der Tiger I wog 57 t, der Elefant 65 t, genauso wie der oben erwähnte Sturmtiger, die zweite Version des Tigers, der Tiger II schon 69,7 t und der Jagdtiger mit seiner 12,8 cm Kanone schon 71,7 t. (ein Leopard 2 wiegt mit 62 t weniger). der Jagdtiger ist der schwerste jemals in Serie gebaute Kampfpanzer. Doch ist er nur ein Zwerg verglichen mit dem Panzerkampfwagen VIII. Was meinen sie wie dieser heisst? In der Wehrmacht gab es den Panzerspähwagen Luchs, den mittleren Kampfpanzer Panther und den schweren Tiger, dazu bei den Sturmgeschützen den Brummbär, das Nashorn und den Elefant. Wie würde man wohl einen noch grösseren Panzer nennen? Löwe? Ozelot? Wolf? Nein, der grösste jemals gebaute Panzer hiess ...

Maus

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091_78/Panzerkampfwagen VIII Maus im Panzermuseum Kubinka

Mit fast 190 t Gewicht hätte die Maus die meisten Brücken nicht passieren können. Auch das Verladen auf die Eisenbahn dürfte problematisch gewesen sein und wer sich die Schäden bei Strassen ansieht, die nur von 60 t schweren Leopard angerichtet werden kann sich vorstellen wie problematisch erst die Maus in dieser Hinsicht ist. Es wurden nur zwei Exemplare bis Kriegsende fertiggestellt. 11 weitere gab es in verschiedenen Stadien des Baus. An Die Panzerung war mit 5 bis 240 mm Stärke nicht dicker als beim Tiger, aber wog wegen der Grösse des Panzers entsprechend mehr. Selbst ein eigens für den Panzer konstruierter 12 l Dieselmotor mit 1'080 PS (später 1'200 PS) konnte ihn nur auf 14 km/h im Gelände (20 km/h auf der Strasse) beschleunigen, womit der Panzer extrem träge gewesen wäre. Vor allem dürfte es am benötigten Benzin (3'800 l auf 100 km im Gelände) gemangelt haben. Auch bei guter Panzerung muss ein Panzer mobil sein, auch ein nicht zu leichtes Ziel zu sein. Es gibt ja noch Infanterie mit Hohlladungssprengladungen und die wirksamste Waffe der US-Armee gegen den Tiger war der Beschuss mit grosskalibriger Artillerie, die wegen der geringen Mobilität dieser Geschütze auch bessere Chancen bei einem langsamen Panzer hatte. Nicht umsonst wird als bester deutscher Panzer des zweiten Weltkriegs nicht der Tiger angesehen, sondern der Panther der zwar nicht so gut gepanzert und eine Kanone mit kleinerem Kaliber hatte, aber beweglicher war (und zudem weitaus weniger störanfällig: die meisten Tiger gingen nicht durch Feindbeschuss verloren, sondern mussten aufgegeben werden, weil sie mechanische Defekte hatten). Es gibt gute Gründe, warum Panzer nicht schwerer wurden, als die grössten Exemplare des zweiten Weltkriegs.

Mit fast 190 t Gewicht hätte die Maus die meisten Brücken nicht passieren können. Auch das Verladen auf die Eisenbahn dürfte problematisch gewesen sein und wer sich die Schäden bei Strassen ansieht, die nur von 60 t schweren Leopard angerichtet werden kann sich vorstellen wie problematisch erst die Maus in dieser Hinsicht ist. Es wurden nur zwei Exemplare bis Kriegsende fertiggestellt. 11 weitere gab es in verschiedenen Stadien des Baus. Andere Kampfpanzer der 75 und 100 t Klasse kamen über das Projektstadium nicht hinaus. Der/die Maus ist wohl das beste Beispiel des Gigantismus, den die Wehrmacht bei manchen Projekten verfolgte. Es ist bezeichnend, dass man von drei Entwürfen die für den Panzer E100 (E= Entwicklung 100: 100 t Gewicht) den schwersten wählte, es gab auch konkurrierende Entwürfe von Krupp ("Löwe" mit 76 bzw. 90 t Gewicht (bewaffnet mit einer 10,5 bw. 15 cm Kanone.

Zusammenfassung
In diesem Artikel sind nur ein paar Projekte beleuchtet, es gäbe sicherlich noch mehr zu berichten, denn das ist nur die Spitze des Eisbergs. es gab zahlreiche Projekte, die nicht das Prototypstadium erreichten oder die es nur auf dem Papier gab, so z.B. Landkreuzer mit Geschützen, die man normalerweise nur auf Schiffen findet von bis zu 1'500 t Gewicht. Auf der anderen Seite war wie im Eingang schon angedeutet die Entwicklung auch sehr produktiv, es wurden Vorläufer zahlreicher Waffen erfunden, so die Gleitbombe, das Cruise Missile, natürlich die taktisch einsetzbare Grossrakete, die Düsenjäger etc. Es war aber auch kennzeichnend für die deutsche Industrie zu dieser Zeit sehr viele Protoptypen und Varianten zu entwickeln. Deutschland wandelte auch schon existierende Flugzeuge und Fahrzeuge in einem Masse ab, wie dies die anderen Nationen nicht taten, die mehr auf homogene Grossserien setzten. So entstanden aus den Fahrgestellen und Wannen der deutschen Panzer zahlreiche Sturmgeschütze, Jagdpanzer, und mobile Artillerielafetten. Zahlreiche Flugzeuge wurden für die unterschiedlichsten Rollen modifiziert. So war die Ju 88 mittlerer Bomber, Torpedo Bomber, Aufklärt und schliesslich sogar Nachtjäger.

Die teilweise überlegene Technik, wie z.B. bei den Jagdflugzeugen Me-262, den Panzern Panther und Tiger konnte aber nicht das Missverhältnis der Kräfte ausgleichen, zumal die vielen Entwicklungen ja auch Ressourcen kosteten. Dazu kam gerade in den letzten beiden Jahren der Mangel an ausgebildeten Piloten oder Soldaten, ohne die auch die beste Waffe ihre Wirkung verliert. Schlussendlich gewannen die Alliierten durch die materielle Überlegenheit, höhere Stückzahlen anstatt besserer Technik.

Im Endeffekt sorgten diese skurrilen Entwicklungen dafür, dass der Krieg verkürzt wurde, denn sie banden Ressourcen, die man sonst für Rüstungsgüter gebraucht hätte. Das grösste Projekt war die A-4, von den Nazis "V-2" genannt. Ihre Entwicklung und Produktion sollen 2 Milliarden Reichsmark gekostet haben. Wenn man die Preise und Arbeitslöhne zu dieser Zeit nimmt, entspricht dies heute der zehnfachen Summe in Euro. Nur als Vergleich: Die Panzer IV, V und VI kosteten zwischen 103'000 und 250'000 Reichsmark pro Stück, Flugzeuge gab es ab 100'000 Reichsmark, U-Boote ab 3 Millionen Reichsmark und ein Schlachtschiff wie die Bismarck und Tirpitz kosteten rund 196 Millionen Reichsmark. Das bedeutet man hätte allein für diese Summe rund 20'000 Panzer IV (gesamte produzierte Stückzahl: 8'525), 2'000 ME 109 (Produktionszahl: 30'500) oder zehn Schlachtschiffe (nur zwei gebaut) bzw. 700 U-Boote (gebaut ungefähr 1'200). Daran sieht man, dass man mit diesen Mitteln durchaus erheblich mehr Rüstungsgüter hätte herstellen können.

Schlussendlich führten die Entwicklungen so nicht zu einer Verlängerung des Krieges, sondern seiner Verkürzung, Zum Glück für uns, denn die ersten beiden Atombomben wurden entwickelt, um über Deutschland abgeworfen zu werden.

Versenkt, verscharrt, verschollen    
(aus Der Spiegel online)

An mindestens 25 Orten im Bundesgebiet lagern chemische Zeitbomben aus dem Zweiten Weltkrieg

Im dritten Kriegsjahr ordnete Hitler an, die Vorbereitungen für den Gaskrieg zu beschleunigen. Allein das Heer sollte zu den vorhandenen 4'566'756 "Stück gefüllte Kampfstoffmunition" noch einmal 3'840'550 weitere bekommen. In-halt: Nervengifte wie Lost und Tabun. Tabun, auch "Spitzenkampfstoff" genannt, tötet schon in einer Konzentration von 400 Milligramm pro Kubikmeter Menschen binnen Minutenfrist.

Die Nazis setzten jedoch, wohl auch aus Angst vor Vergeltung, die chemischen Waffen nicht ein. Als gegen Kriegsende die Alliierten näher rückten, befahl das Oberkommando der Wehrmacht (OKW), das Gaskriegszeug verschwinden zu lassen: "Der Führer erwartet, dass bei Aufbieten aller Mittel ein rechtzeitiger Abtransport gelingen muss". Deckname der geheimen Aktion: "Zunft".

So geriet das Gift in das Chaos des Zusammenbruchs. Es wurde in Bunker gesteckt, auf Flusskähnen gelagert, mit der Bahn verschickt, abseits von Ortschaften verbuddelt. Warnschilder, die die Bevölkerung hätten aufschrecken können, verbot die SS. So erfuhren die Bürger nur selten einmal von dem brisanten Treiben. Als die Bestände eines Lagers im thüringischen Lossa abgefahren wurden, 20'000 Tonnen in elf Güterzügen, griffen Jagdbomber an. Einige Waggons explodierten, die Zivilbevölkerung im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert.

Wohin die Transporte gingen, konnten oft selbst die Transporteure nicht verfolgen. "1 Zug mit Spitzenkampfstoff aus Lübbecke vermisst", notierte einmal ein Hauptmann, ein andermal ein Generalquartiermeister: "Nordenham 4 Züge verladen, davon 1 verschollen".

Wieweit das Ziel der "Zunft"-Aktion erreicht wurde, den Kampfstoff aus dem Bereich der "Feindbedrohung" (OKW) verschwinden zu lassen, ist unbekannt. Denn Karteien, Transportpläne und Protokolle sind nur ausnahmsweise erhalten. "Niemand weiss, wo die Kampfstoffbestände der deutschen Wehrmacht hingekommen sind", schreibt der Münchner Militärgeschichtler Franz W. Seidler.

Die Gefahr hat das Nazireich überdauert. Auch der Teil des Stoffs, den schliesslich die Alliierten übernahmen, ist keineswegs unschädlich: Geleit-zugweise hatten die Besatzer die in Fässer verpackten Stoffe Lost, Tabun, Phosgen, Sarin und Soman auf See gefahren und versenkt. 26 Schiffsladungen wurden allein auf den Grund des Skagerraks vor der norwegischen Küste geschickt, vor Gotland und Bornholm liegen giftige Unterwasserhalden, ebenso vor Flensburg und im Kleinen Belt.

Im Meer versenkt, in der Heide verscharrt, auf dem Transport verschollen - un-bekannt blieb, wieviel Material da abhandengekommen ist. Die Bundesregierung geht von einem Endbestand von 70'000 Tonnen in den Naziarsenalen aus, "nach den verfügbaren Unterlagen". Nach den 1942 beschlossenen Produktionszielen, 7'550 Tonnen pro Monat allein für das Heer, könnten es auch weit mehr sein.

Reste davon lagern an mindestens 25 Orten allein im Bundesgebiet. Die ungefähre Lage machte 1979 der Mainzer Militärhistoriker Hans-Erich Volkmann bekannt. Wo genau die Lager sind, wissen auch die Behörden nur in Ausnahmefällen.

Ebenso bei den Unterwasserlagern, die den amtlichen Stellen allerdings weniger Sorgen bereiten. Dort unten sei das C-Zeug "relativ gut aufgehoben", beruhigte 1979 ein Bonner Regierungssprecher besorgte Fragesteller. Jedoch: Seit 1950 in Polen eine Ladung Lost-verseuchter Ostseefische auf den Markt kam, geschieht es immer mal wieder, dass Fischern eine Bombe ins Netz geht S.41 und Hautschäden verursacht. "Wo sollen wir denn sonst fischen? Nirgends steht der Dorsch noch so reichlich wie hier", sagt der Kieler Fischer Heinz Christoph, der sich schon einmal an Lost die Hände verletzte.

Ostseefischer haben schon über 30 Stellen als Fundorte von Kampfstoff präzise benannt. Doch nach den rostigen Giftfässern wird nur ausnahmsweise systematisch gesucht. Ende der fünfziger Jahre bargen amtliche Munitionsräumer vor der schleswig-holsteinischen Ostseeküste Kampfstoff, der dort in Schuten versenkt worden war. Die Fässer wurden einbetoniert und weiter weg, im Atlantik, von neuem versenkt.

Behörden erklären die verrottenden Phosgen- und Tabunbomben vorwiegend für harmlos, scheuen andererseits aber die Beseitigung, wegen der "mit einer Bergung - soweit diese überhaupt technisch möglich ist - verbundenen Risiken" (Bundesregierung).

An den Versenkungsstellen in Nord- und Ostsee, in Tiefen zwischen 70 und 700 Metern, sind die Behälter längst im Schlamm versunken und kaum noch erreichbar.

Offen bleibt, ob einmal die von Meeresforschern befürchtete Grossverseuchung kommt, wenn die Behälter durchrosten, oder ob vom Gift am Meeres-grund keine Gefahr ausgeht, weil es sich bei Meerwasserberührung zersetzt und verdünnt, wie das Kieler Innenministerium erklärt. "Die Unruhe ist schon noch da", sagt Militärforscher Seidler, "aber das Thema ist unerwünscht".

Alliierte Stellen reagierten auf deutsche Suchhilfe-Anfragen meist lustlos. Bei Recherchen nach "Gefahrenquellen aus Kampfstoffablagerungen" fragte das nordrhein-westfälische Innenministerium nach einschlägigen Arbeitsberichten der britischen Rheinarmee und blieb "leider" ohne Erfolg.

So wurden C-Waffen-Entschärfer meist nur nach Zufallsfunden tätig, freilich oft genug. "Wo überall finden wir nicht was, das ist sagenhaft", berichtete der Leiter des niedersächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienstes.

Ausser auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Munsterlager, wo die Bundeswehr im Laufe der Jahre 70 Tonnen Kampfstoff aus dem Boden polkte, gibt es in Niedersachsen weitere Fundstellen von erheblichem Ausmass: etwa den Dethlinger Teich im Landkreis Soltau-Fallingbostel (einzige Vorkehrung bislang: regelmässige Wasserkontrolle). Der frühere U-Boot-Hafen in Wilhelmshaven, ebenfalls eine mutmassliche Kampfstofflagerstätte, wurde nach dem Krieg mit einem Damm vom übrigen Hafen getrennt. Auf dem früheren Truppenübungsplatz Ehra-Lessin im Landkreis Gifhorn wurden C-Waffen-Funde mit Bauschutt zu gekippt und mit dicken Betonplatten abgedeckt.

Wo irgend möglich, halten Behörden C-Waffen-Fundstellen geheim und berichten lediglich, so beispielsweise das bayrische Innenministerium, von "Lostsprühbüchsen in einem Waldgelände etwa einen Kilometer von der nächsten Siedlung" oder von einem "gesicherten Stollen" mit Gift.

Oft genug aber wird das Zeug trotzdem publik. Nach jahrelangen Bemühungen der schleswig-holsteinischen Behörden, das Vorhandensein von Kampfstoff-Restbeständen in ihrem Land zu bestreiten, fanden spielende Kinder letzte Woche in Lübeck Giftkapseln aus dem Zweiten Weltkrieg.

C-Waffen-Reste lagen auf dem Gelände der früheren Nervengasfabrik Stoltzenberg in Hamburg gefährlich zutage, in der Nähe des Munitionsdepots Schierling bei Regensburg deckten nicht einmal 50 Zentimeter Boden eine Partie von 600 Lost-Behältern.

Als Ende 1975 in der Nähe einer Munitionsfabrik in Traunreuth (Chiemgau) Erdarbeiten begannen, wurde der Baggerführer auf einmal misstrauisch: "Da hat was gezischt". Ausgrabungen förderten 500 Fässer mit Lost zutage.

Zur gleichen Zeit räumten C-Experten in der Wahner Heide bei Köln ein "Kampfgas-Grab" aus - 8,4 Tonnen Giftgas der Sorten Lost und Blaukreuz.

Der Fund wurde im behördlichen Verdrängungsstil behandelt - in ein stillgelegtes Bergwerk bei Kassel gebracht und eingemauert.